31.1. | 120 BPM

18.00/20.30

Paris um 1990. Die AIDS-Pandemie grassiert seit Jahren, doch die Entwicklung von Medikamenten gegen die tödliche Erkrankung kommt nur langsam voran. Die Aktivistengruppe Act Up, in den 80er Jahren in New York gegründet, hat auch in Frankreich einen Ableger. In Paris zählte auch Robert Campillo zu den Mitgliedern, der seine persönlichen Erfahrungen in seinem Film „120 BPM“ verarbeitet. Bestimmt anfangs ein dokumentarischer Blick auf die Strukturen der Bewegung den Film, fokussiert sich die Erzählung bald auf die sich entwickelnde Beziehung zwischen zwei Mitgliedern der Gruppe, Sean und Nathan. Nicht mehr das Schicksal einer Gruppe, sondern das einzelner Menschen steht nun im Mittelpunkt, das langsame Leiden und Sterben von Sean, der positiv ist und dessen Tod die vorhandenen Medikamente nur aufschieben können. Ohne Sentimentalitäten erzählt Campillo von dieser Zeit, von Vorurteilen und Diskriminierungen, aber auch von der Hoffnung auf Änderung. Vor allem erzählt er aber von dem Halt, den eine Gruppe dem einzelnen geben kann und von uneingeschränkter Liebe, die noch mehr vermag. Das mitreißende und emotionale Doku-Drama war eine der größten Überraschungen des diesjährigen Filmfests in Cannes und erhielt dort den Grand Prix des Festivals.
Frankreich 2017, Regie: Robin Campillo, Darsteller: Nahuel Perez Biscayart, Arnaud Valois, Adele Haenel, 144 min, französische Originalfassung mit deutschen Untertiteln

24.1. | Human Flow

18.00/20.30

Eine Möwe fliegt über das Mittelmeer. Umschnitt auf ein voll besetztes Flüchtlingsboot. Im nächsten Bild thront ein Leuchtturm, anschließend patrouilliert ein Hubschrauber den Strand entlang. Dazwischen räumt das Zitat eines Bürgerrechtlers allen Menschen das Recht ein, frei zu leben. Der chinesische Konzeptkünstler Ai Weiwei tritt seit jeher für Menschenrechte ein. Mit „Human Flow“ legt er nun eine dokumentarische Betrachtung weltweiter Migrationsbewegungen vor. Die Bildfolge am Anfang zeigt bereits die konzeptionelle Ausrichtung des gesamten Films. Weiwei geht es um visuelle Vermittlung der Wanderungsbewegungen, nicht um Ursachenforschung oder Lösungen. Die Bilder bleiben weitgehend unkommentiert. Nur in kleinen Dosen kommen Betroffene, Flüchtlingshelfer und Offizielle zu Wort. Das Bildpanorama geht mehr in die Breite als in die Tiefe und setzt entsprechendes Grundwissen voraus. Insgesamt 25 Kamera-Teams dokumentieren Menschenströme und Flüchtlingslager auf aller Welt, von Griechenland und Frankreich geht es nach Pakistan und Kenia. Das überlädt den Dokumentarfilm leider ein wenig, dem mit der ambitionierten Laufzeit von 140 min eine gewisse Kürzung gut getan hätte. Diskutabel ist auch Weiweis Hang zur Selbstinszenierung. Des öfteren taucht der Regisseur persönlich vor der Kamera auf, einmal mit einem Zettel in der Hand: „Ai Weiwei stands with refugees“. Andererseits erzeugt Ai Weiweis internationale Bekanntheit durch derartige Aktionen aber auch die nötige Aufmerksamkeit für ein Thema, über das so manch einer nichts mehr hören und sehen will.

Deutschland 2017, Regie: Ai Weiwei, Dokumentation, ab 6, 140 min

17.1. | Detroit

18.00/20.30

Das Leben schreibt bekanntlich die schönsten Geschichten und ebenso die hässlichsten. Und diese Geschichte ist hässlich, sehr hässlich. Es geht um die Rassenunruhen in Detroit im Jahre 1967. Die Nationalgarde rückt mit über 1000 Mann in die Stadt ein, um den zunehmend gewalttätigen Protesten Herr zu werden. Eher zufällig geraten die Mitglieder der schwarzen Band „Dramatics“ in das brutale Geschehen. Nur mit Mühe können sich die Musiker in „Algiers Motel“ in Sicherheit bringen – und werden dort von Hotelgästen zu einer Party eingeladen. Als jedoch einer der Partygäste im Übermut mit einer Schreckschusspistole hantiert, nimmt das Unheil seinen Lauf. Die Sicherheitskräfte vermuten einen Heckenschützen und stürmen das Gebäude. Brutal werden die Hotelgäste aus ihren Zimmern gezerrt und gegen eine Wand gestellt. Mit Schlägen und Scheinhinrichtungen wollen die Uniformierten Geständnisse erzwingen. Schließlich fallen tödliche Schüsse. Die Nationalgardisten versuchen, die Vorfälle im Motel mit Falschaussagen zu vertuschen – dennoch werden sie vor Gericht gestellt. Ändern tut das nichts, Gerechtigkeit ist von der weißen Jury nicht zu erwarten. Rigoros erzählt die Regisseurin Kathryn Bigelow dieses Drama, das sich vor genau 50 Jahren zutrug. Der atmosphärisch unglaublich dichte Thriller nimmt sich dabei durchaus künstlerische Freiheiten heraus. Regisseure sind keine Erbsenzähler. Wenn die großen Linien richtig sind, stimmt die Geschichte trotzdem, ohne dass fake news daraus werden. Dier nervöse Handkamera, die schnellen Schnitte sowie dokumentarische Aufnahmen lassen das Chaos dieser Gewalt und Gegengewalt wie eine Kriegsreportage wirken. Kompromisslos wie gewohnt, inszeniert Bigelow ihr sozialkritisches Drama. Ein wütender, wichtiger und emotional packender Film – und Oscar-Kandidat ersten Ranges.
USA 2017, Regie: Kathryn Bigelow, Darsteller: John Boyega, Will Poulter, Algee Smith, ab 12, 143 min

10.1. | Animals – Stadt Land Tier

18.00/20.30

Die Ehe von Anna (Birgit Minichmayr) und Nick (Philipp Hochmair) kriselt, denn Anna vermutet richtig, dass Nick mit der Nachbarin Andrea (Mona Petri) ins Bett geht. Um ihre Beziehung zu retten, nehmen die Kinderbuchautorin und der Koch eine Auszeit auf einer Schweizer Almhütte. Während der Autofahrt in die Schweiz kollidieren die Eheleute mit einem Schaf, das mitten auf der Straße steht. Nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt beziehen sie scheinbar unversehrt ihr Feriendomizil, doch mit der Wahrnehmung stimmt etwas nicht. Anna glaubt, erst seit einem Tag in der Schweiz zu sein, Nick spricht von mehreren Tagen. Und das ist erst der Anfang einer Reihe von Irritationen. Während der Abwesenheit von Anna und Nick bewohnt Mischa (abermals Mona Petri) die Wiener Wohnung des Ehepaares. Auch hier geht es nicht mit rechten Dingen zu. Nach einem Sturz auf den Hinterkopf behandelt Tarek (Mehdi Nebbou) Mischa, wobei ihr auffällt, dass der Arzt nur neun Finger hat. Bei einem späteren Treffen erscheint Tarek jedoch mit zehn Fingern… Klingt vertrackt ? Ist es auch. Der polnische Regisseur Greg Zglinski schafft kaum Klarheit. Was hier real ist und was eingebildet, bleibt in der Schwebe. Einmal unterhält sich Nick mit Anna, die vor ihm am Tisch sitzt – einen Schnitt später steht Anna plötzlich im Nebenraum und Nick weiß ebenso wenig wie das Publikum, was hier gerade passiert ist. Der Film wirkt wie ein Puzzle mit fehlenden Teilen. Das ist einerseits frustrierend, auf der anderen Seite entwickelt das ständige Miträtseln einen ganz eigenen Reiz. Mit unheilvoller Musik, verbotenen Türen und der Rätselhaftigkeit des Geschehens bedient sich Zglinski beim Horrorgenre. Leitmotivisch tauchen immer wieder Tiere auf. Erst das Schaf, dann ein Vogel und schließlich eine sprechende schwarze Katze. Was das alles zu bedeuten hat, bleibt ungewiss. Was bleibt, ist ein stilistisch reizvolles Verwirrspiel. Erst behauptet der Autor jenes, dann etwas anderes – und auch das gilt nicht lang. Der Film ist nichts für Freunde des logischen und geradlinigen Erzählkinos. Für alle, die bereit sind, sich hineinsaugen zu lassen in eine Welt der Irrungen und Wirrungen ist er empfehlenswert.

Österreich/Schweiz/Polen 2017, Regie: Greg Zglinski, Darsteller: Birgit Minichmayr, Philipp Hochmair, Mona Petri, Mehdi Nebbou, ab 12, 95 min

3.1.2018 | Gauguin

18.00/20.30

Mutig ist das schon. Der verarmte und schuldengeplagte Maler Paul Gauguin beschließt, zumindest zeitlich begrenzt, alle Brücken hinter sich abzubrechen und Frankreich in Richtung Übersee zu verlassen. Wir schreiben das Jahr 1891und die Reise geht nach Französisch-Polynesien. Ein Paradies ist dieses Eiland in der Südsee ganz sicher nicht und der Maler wird von Anfang an von Armut, Hunger und Krankheiten geplagt. Aufgeben kommt für Gauguin jedoch nicht infrage. Er hält durch und so entstehen in den nächsten anderthalb Jahren über 60 Meisterwerke. Zu diesem künstlerischen Erfolg trägt ganz sicher Gauguins Bekanntschaft mit der Einheimischen Tehura bei, die nicht nur zu seiner Geliebten, sondern auch zu seiner Muse wird. Regisseur Edouard Deluc konzentriert sich in seinem Künstler-Portrait ganz auf diese kurze Lebensspanne des Malers. Er kann sich dabei auf die Reise-Erinnerungen stützen, die Gauguin 1893 nach seiner Rückkehr nach Paris veröffentlichte. Deluc hat sein Werk in Teilen wie einen Western und Abenteuerfilm aufgezogen. Zudem spielen viele Szenen nachts, nur vom Feuerschein erhellt, was dem Geschehen bisweilen einen mystischen Charakter verleiht. Vincent Cassel spielt den von der Wildnis angezogenen Maler, der trotz der widrigen und primitiven Umstände an seinem künstlerischen Lebenstraum festhält. Ausgezahlt hat sich das für den mutigen Mann zumindest zu Lebzeiten nicht. Gauguin lebte auch nach seiner Rückkehr weiter in Armut; erst nach seinem Tode sollte er in die Kunstgeschichte eingehen.

Frankreich 2017, Regie: Edouard Deluc, Darsteller: Vincent Cassel, Tuhei Adams, Malik Zidi, ab 6, 101 min