31.5. | Mit siebzehn

18.00/20.30

Mit siebzehnKeine zwei Minuten sind in diesem Film vorbei, da weiß man bereits, wie es um die beiden siebzehnjährigen Gymnasiasten Damien (Kacey Mottet Klein) und Thomas (Corentin Fila) bestellt ist. Beim Schulsport werden sie beide von ihren Mitschülern erst zuallerletzt in ihre Mannschaften gewählt. Zwar sind sie durchaus sportlich, aber eben auch verdammt unbeliebt. Nun könnten die beiden Außenseiter sich wenigstens verbünden, aber weitgefehlt, statt dessen machen sich Thomas und Damien auch gegenseitig das Leben schwer, prügeln sich sogar vor der Schule. Nur ganz allmählich nähern sie sich an und erkennen schließlich ihre Homosexualität. Einen passenden Umgang damit müssen sie erst noch finden. Auf das Thema Homosexualität reduzieren lässt sich „Mit siebzehn“ gleichwohl nicht. Dem französischen Regisseur Andre Techine gelingt es, eine ganze Reihe gewichtiger Themen gleichzeitig zu behandeln, ohne dabei ins Oberflächliche abzugleiten. Im Kern geht es ihm um das Heranwachsen an sich und das ist schließlich bei allen Jugendlichen gleich. Und Techine präsentiert seine Geschichte durchgängig vor der großartigen Kulisse der Pyrenäen – das macht diesen erzählerisch sehr dichten Film noch eindrucksvoller.

Frankreich 2016, Regie: Andre Techine, Darsteller: Kacey Mottet Klein, Corentin Fila, Sandrine Kiberlain, ab 12, 116 min

24.5. | Wilde Maus

18.00/20.30

Wilde_Maus_Hauptplakat_A1.inddDer etablierte Musikkritiker Georg (Josef Hader) schreibt seit Jahrzehnten für eine Wiener Zeitung, bis er völlig überraschend vom Chefredakteur die Kündigung erhält: Sparmaßnahme. Der im innersten Getroffene sinnt auf Rache. Er beginnt mit nächtlichen Feldzügen gegen seinen ehemaligen Chef. Zunächst beschränkt er sich auf kleinere Sachbeschädigungen, steigert sich aber dann in einen stetig größer werdenden Terror hinein. Seiner jüngeren Lebensgefährtin Johanna (Pia Hierzegger) erzählt er nichts, zu tief sitzt die Schmach, und führt statt dessen ein delikates Doppelleben. Tut so, als gehe er tagsüber ins Büro und abends in den Konzertsaal. In Wirklichkeit hängt er im Prater ab. Dort lernt er Erich (Georg Friedrich) kennen, dem als Mitarbeiter eines Karussells ebenfalls gekündigt wird. Die beiden mieten die „Wilde Maus“ – von irgendetwas muss man ja leben. Josef Hader erzählt in seinem Regie-Debüt, was eine demütigende Kränkung mit einem empfindsamen Ego anrichten kann. Er präsentiert eine rabenschwarze Dramödie, deren Humor aber denkbar dezent daherkommt. So wunderlich die Figuren und so köstlich die Dialoge sind, so wichtig (und wuchtig) ist die Musik. Da wird alles aufgeboten, was Österreich zu bieten hat: Neben Mozart und anderen klassischen Komponisten kommt auch die momentan schwer angesagte Austro-Popband Bilderbuch zu Gehör.

Österreich 2016, Regie: Josef Hader, Darsteller: Josef Hader, Georg Friedrich, Pia Hierzegger, ab 12, 103 min

17.5. | Lion

18.00/20.30

Lion1986 in der indischen Provinz: Der fünfjährige Saroo und sein älterer Bruder Guddu leben mit ihrer alleinerziehenden Mutter in ärmlichen Verhältnissen. Die Brüder entern fahrende Güterzüge, um mit ein paar geklauten Kohlen die Haushaltskasse aufzubessern. Doch eines Tages steigt Saroo in einen falschen Zug, der ihn ohne Aufenthalt in das 1600 Kilometer entfernte Kalkutta bringt. Dort irrt der verzweifelte Junge umher und landet schließlich in einem Heim, einer traurigen Verwahranstalt mit gewalttätigen Betreuern. Als ein Ehepaar aus Australien den Knirps adoptiert, wendet sich das Blatt. Saroo wächst wohlbehütet down under auf. Doch zwanzig Jahre später beginnt er sich die Frage zu stellen: Wo komme ich eigentlich her? Zielstrebig begibt er sich auf Spurensuche. Zum Glück gibt es Google-Earth-Karten, doch alles kann man damit auch nicht aufdecken. Da kommt ihm ein glücklicher Zufall zuhilfe. Der Regisseur Garth Davies teilt seinen Film in zwei klar voneinander getrennte Hälften. Der erste Teil zeigt die Welt aus der Perspektive des fünfjährigen Saroo, großartig gespielt vom sechsjährigen Sunny Pawar, ausgewählt aus einer 4000 Kinder zählenden Bewerberschar. Den jungen Erwachsenen im zweiten Teil verkörpert „Slumdog Millionär“-Star Dev Patel. Den Adoptivsohn spielt er als Mann zwischen zwei Kulturen – es gibt Kontraste, aber auch Parallelen zwischen Indien und Australien. Ein berührender und dabei angenehm klischeefreier Film über einen Menschen auf der Suche nach seinen Wurzeln.

Australien 2016, Regie: Garth Davies, Darsteller: Sunny Pawar, Dev Patel, Rooney Mara, Nicole Kidman, ab 12, 118 min

10.5. | All inclusive

18.00/20.30

Teamfoto-All-inclusive_800Stell‘ dir vor, du erbst über Nacht ein Hotel – und weißt gar nicht, ob du dich überhaupt darüber freuen sollst. Genau das passiert Ricky, dessen Mutter unvermittelt stirbt und ihm das „Hotel Weserlust“ in Bremen vermacht. Ricky ist behindert und fragt sich, ob er das Hotel übernehmen will oder überhaupt kann. Schnell mischen sich außerdem Außenstehende ein, die nur ihr eigenes Süppchen kochen wollen. Der Immobilienmakler, der zu gerne ein günstiges Schnäppchen machen würde. Die Köchin, die lauthals verkündet, in „so einem Haus“ nicht arbeiten zu wollen. Die Geschäftsführerin, die überhaupt keine Lust darauf hat, für Ricky ihren Posten zu räumen. Es geht also so einiges schief im Weserlust-Hotel, aber gleichzeitig zeigen ungeahnte Lösungen auch verblüffende neue Wege auf und dabei kann sich Ricky voll und ganz auf seine Freunde verlassen, denen niemand so etwas zugetraut hätte. Der Bremer Regisseur Eike Besuden hat nach seinem großen Erfolg „Verrückt nach Paris“ erneut das Thema Inklusion aufgegriffen und zwar auf äußerst humorvolle Weise. Die Heiterkeit und Leichtigkeit, mit der er die Begegnung behinderter und nichtbehinderter Menschen schildert, beeindruckt zutiefst. Weniger leicht gestaltete sich die Finanzierung des ambitionierten Projekts. Obwohl die Low Budget-Produktion nur 300.000 Euro verschlang, bemerkte Besuden später lakonisch: „Man braucht kräftige Fingernägel, um an allen Türen kratzen zu können“.

Deutschland 2016, Regie: Eike Besuden, Darsteller: Kevin Alamysah, Doris Kunstmann, Frank Grabski, ohne Altersbeschränkung, 55 min

Der Regisseur Eike Besuden sowie weitere Protagonisten werden die 18 Uhr-Vorstellung begleiten.

3.5. | Die andere Seite der Hoffnung

18.00/20.30

Die andere Seite der HoffnungAus dem Kohlehaufen eines Frachtschiffes schält sich langsam ein Gesicht heraus. Es ist Khaled (Sherwan Haji), ein Flüchtling aus Aleppo/Syrien. Als blinder Passagier erreicht der junge Mann Helsinki und beantragt Asyl. Antrag abgelehnt. Khaled taucht unter und will illegal im Land bleiben. Und dann hat er Glück: Er trifft auf Waldemar Wikström (Sakari Kuosmanen), der gerade groß beim Poker abkassiert und sich vom Gewinn ein Restaurant gekauft hat. Nun ist der „Goldene Krug“ eher eine Kaschemme, aber egal. Auch solche Lokalitäten brauchen Personal und Khaled wird als Putzmann und Tellerwäscher eingestellt. Dabei ist „Die andere Seite der Hoffnung“ kein eindimensionaler Aufruf zu mehr Toleranz und Gerechtigkeit. Der Film verschweigt die hässlichen Seiten seiner Geschichte keineswegs (z.B. lauern die Mitglieder der „Finnischen Befreiungsarmee“ dem jungen Syrer immer wieder auf). Aber dennoch ist dieser neue Film des finnischen Kultregisseurs Aki Kaurismäki durchströmt von einer tiefen Humanität und beseelt von einer mitreißenden Blues- und Tango-Musik. Ansonsten erwartet den Zuschauer ein typischer Kaurismäki: Kein Wort und Bild zu viel, die Szenen lakonisch, melancholisch und immer wieder leicht märchenhaft. Die Tragik-Komödie über ein hochaktuelles gesellschaftliches Thema (im Bären-Rennen bei der jüngsten Berlinale) soll, laut Regisseur Kaurismäki, nach 34 Jahren sein letztes Werk gewesen sein. Das wäre jammerschade, denn dem finnischen Altmeister ist erneut ein großer Wurf gelungen.

Finnland 2017, Regie: Aki Kaurismäki, Darsteller: Sherwan Haji, Sakari Kuosmanen, ab 6, 98 min