29.6. | Wo in Paris die Sonne aufgeht

18.00/20.30

Die Liebe in diesem Film lässt einen buchstäblich aus den Latschen kippen. Als Nora ihrer Internetbekanntschaft Amber Sweet das erste Mal von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht, geht sie ohnmächtig zu Boden. Monatelange Videotelefonate konnten sie nicht auf diesen Moment vorbereiten. Emilie wiederum sucht, um die Miete bezahlen zu können, eine Mitbewohnerin. Der charmante Literaturstudent Camille bekommt nur eine Chance, weil sie hinter seinem Vornamen eine Frau vermutete. Camille bekommt das Zimmer, wird Emilies Liebhaber und zieht direkt wieder aus, weil er keine feste Beziehung möchte. Er übernimmt das Immobilienbüro eines Freundes, hat von diesem Geschäft allerdings keinen blassen Schimmer. Deshalb stellt er Nora ein, die sich in der Branche hervorragend auskennt. Camille will mehr, Nora zunächst nicht. Sein Liebesleid klagt er seiner Ex-Geliebten Emilie, die inzwischen zu einer guten Freundin geworden ist. Klingt alles sehr kompliziert, kommt aber bei dem Regisseur Jacques Audiard federleicht daher. Er bewegt sich geschmeidig zwischen den Figuren und Handlungssträngen hin und her. Auf nonchalante Weise erzählt er von Liebe und Sex, entspannt, unkompliziert und doch innig und intim. Der Filmemacher zeigt ein Paris abseits der Touristenströme, eine Metropole voller Diversität und Gegensätze. Was die Menschen ungeachtet ihrer Unterschiedlichkeit am Ende verbindet, ist der Wunsch zu lieben und geliebt zu werden. Und das hat man selten so schön und gleichzeitig so selbstverständlich gesehen.

Frankreich 2021, Regie: Jacques Audiard, Darsteller: Noemie Merlant, Lucie Zhang, Makita Sambaa, Lily Rubens, ohne Altersangabe, 105 min

22.6. | Schatten – eine nächtliche Halluzination

nur 19.00 Uhr

Ein junger Ehemann (Fritz Kortner) wird von krankhafter Eifersucht geplagt. Ganz sicher hat seine Frau (Ruth Weyher) einen Liebhaber, sie muss einen haben. Neben dem Verdächtigten (Gustav von Wangenheim) bemühen sich noch drei weitere Kavaliere um die attraktive Dame. Da taucht bei einer Abendgesellschaft ein Schattenspieler (Alexander Granach) auf. Er erkennt die angespannte Situation sofort. Er hypnotisiert sämtliche Anwesenden und führt ihnen mit seinen Puppen ein Schattenspiel vor. das ihnen ihre erotischen Wünsche und Ängste vor Augen führen soll – und vor allem die daraus entstehenden blutigen Folgen. Der Plan des Gauklers geht auf. Allen Beteiligten ist die Lektion eine Lehre. Der Liebhaber und die Kavaliere verlassen fluchtartig das Haus, das Ehepaar sinkt sich glücklich in die Arme.

Deutschland 1923, Regie: Artur Robison, Darsteller: Fritz Kortner, Ruth Weyher, Gustav von Wangenheim, Alexander Granach, 83 min, Stummfilm, schwarz-weiß

Der Stummfilm wird live musikalisch begleitet von dem Hamburger Saxophonisten Hans-Christoph Hartmann und dem Bremer Gitarristen Christian Bunge. Eintritt frei. Im Rahmen des Bremerhavener Kultursommers.

15.6. | Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush

18.00/20.30

Einen ungünstigeren Zeitpunkt hätte sich Murat Kurnaz (Abdullah Emre Öztürk) nicht aussuchen können. Im Herbst 2001, nur wenige Wochen nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center, bricht der junge türkischstämmige Bremer nach Pakistan auf. Dort wird er von den US-Amerikanern verhaftet und nach Guantanamo verschleppt. Ohne Anklage sitzt er dort ein, einfach weil er ins Profil der nach 9/11 Terrorverdächtigen so perfekt hineinpasst. Die Mutter Rabiye (Meltem Kaptan) zuhause in Bremen ist verzweifelt und ratlos, in ihrer Überforderung aber auch überaus patent. Dank des Telefonbuchs und eine wenig Glück stößt die temperamentvolle Frau auf den norddeutsch-spröden Anwalt Bernhard Docke (Alexander Scheer). Der ist auf Menschenrechtsfragen spezialisiert und erkennt sofort, dass dieser Fall vor Ungerechtigkeiten und Ungereimtheiten nur so strotzt. Gemeinsam legen die beiden einen mühsamen Weg durch alle Instanzen zurück, der sie schließlich bis vor den Supreme Court in Washington führt. Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush. Murat Kurnaz‘ Geschichte wurde hierzulande vielfach erzählt, doch Regisseur Andreas Dresen konzentriert sich nun ganz auf dessen Mutter. Tatsächlich ist Rabiye Kurnaz eine fantastische Filmheldin und ihre Darstellerin Meltem Kaptan erhielt für ihre Leistung den Silbernen Berlinale-Bären. Sie ist leidenschaftlich und naiv zugleich, unverbogen, quirlig und mit viel Humor gesegnet – ein wunderbarer Gegensatz zu Alexander Scheers reserviertem Anwalt. Sowohl Murat Kurnaz‘ traumatische Erfahrungen als auch das Ausmaß des Versagens der deutschen Politik(er) werden leider sehr an den Rand gedrängt. Aber das ist bei dieser Darstellung des Themas wohl unvermeidlich.

Deutschland 2022, Regie: Andreas Dresen, Darsteller: Meltem Kaptan, Alexander Scheer, Charly Hübner, Abdullah Emre Öztürk, ab 6, 119 min

8.6. | Shiva Baby

nur 19.30

Im Rahmen der Jüdischen Kulturtage Bremerhaven 2022

Eintritt frei

Trauerfeier mit Abgründen: Auf einer Schiwa zeigt Danielle Nerven, als Verwandte und Bekannte sie zu Karriereplänen befragen – die sie nicht hat. Als auch noch ihr älterer Lover mit Frau und Baby auftaucht, kippt die Stimmung zusehends. Komödie über Familienzwänge, Stadtneurosen und die vergebliche Mühe, Geheimnisse unter dem Teppich zu halten.

USA 2020, Regie: Emma Seligman,, 77 min, englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln

Weitere Filme in der Reihe (beide nur 19.30 Uhr) :

7.6. „Plan A“ / Deutschland/Israel / 2021 / 110 min

9.6. „Displaced“ (mit Gast) / Deutschland / 2020 / 87 min

1.6. | Everything Everywhere All at Once

18.00/20.30

Waschsalon-Besitzerin Evelyn Wang (Michelle Yeoh) geht im Chaos ihres Alltags unter. Die Wünsche ihrer Kunden bringen sie an ihre Grenzen und die anstehende Steuererklärung wächst ihr komplett über den Kopf. Doch dann wird ihr Universum völlig durcheinander gewirbelt. Raum und Zeit lösen sich auf und die Menschen um sie herum haben – ebenso wie sie selbst – plötzlich weitere Leben in Parallelwelten. Das Multiversum ist Realität geworden. Da meldet sich bei ihr ein gewisser Raymond aus dem Paralleluniversum gleich nebenan. Ein smarter Actionheld, der Evelyn davon überzeugen will, dass sie beim Retten der Welt jetzt und sofort unbedingt mitmachen müsse. Denn: Die zahlreichen anderen Evelyns aus den übrigen Parallelwelten, die sind alle schon tot. Der Film des Regie-Duos Daniel Kwan und Daniel Scheinert kommt wie eine Achterbahnfahrt daher. Ständig wechseln die Settings, die Szenen, die Welten und zwar in einem schwindelerregenden Tempo, das einen bald die Orientierung verlieren lässt. Die Ideen der „beiden Daniels“, wie sie sich gerne selber nennen, scheinen schier unerschöpflich. Ein Action-Fantasy-Spektakel um das Multiversum (oder gibt es vielleicht auch davon mehrere?).

USA 2022, Regie: Daniel Kwan und Daniel Scheinert, Darsteller: Michelle Yeoh, Jamie Lee Curtis, Stephanie Hsu, ab 16, 139 min

25.5. | Come On, Come On

18.00/20.30

Der New Yorker Radiomoderator Johnny befragt für seinen Sender Kinder zu ihren Träumen, Ängsten und Hoffnungen. Durch einen Notfall in der Familie von Johnnys Schwester Viv (Gaby Hoffmann) muss er sich unerwartet um seinen Neffen Jesse (Woody Norman) kümmern. Gemeinsam begeben sie sich auf einen Roadtrip quer durch die USA, auf dem Johnny sein Radioprojekt fertig stellen will. Eine tiefe emotionale Verbindung entsteht auf dieser Reise zwischen den beiden. Dabei geht der hochintelligente Neunjährige seiner Umgebung zuweilen ganz gehörig auf die Nerven, doch genau das ist beabsichtigt. Der Film des Regisseurs Mike Mills verniedlicht Kinder nicht, sondern nimmt sie auch in ihren negativen Verhaltensweisen ernst. Die Erwachsenen wiederum sind bei Mills keine weiseren Persönlichkeiten, sondern werden durch die Kinder herausgefordert, sich ihren eigenen Sehnsüchten zu stellen. Mills hat „Come On, Come On“ bewusst in schwarz-weiß gedreht, um seinem Film sowohl das Gefühl einer Dokumentation als auch einer Fabel zu verleihen. Die Geschichte seiner beiden Hauptfiguren ist, wie fast immer bei Mills, inspiriert von seinem eigenen Leben und wirkt deshalb so persönlich und authentisch.

USA 2021, Regie: Mike Mills, Darsteller: Joaquin Phoenix, Woody Norman, Gaby Hoffmann, ab 6, 108 min