27.12.2017 | Mathilde

18.00/20.30

Die Primaballerina Matilda Kschesinskaja (Michalina Olszanska) gehört in den höchsten Kreisen des russischen Zarenreiches zu den Schönen und Begehrten. Aus einer flüchtigen Begegnung mit dem Thronfolger Nikolai (Lars Eidinger) wird eine leidenschaftliche und glückliche Romanze. Bei Hofe allerdings sieht man diese Entwicklung gar nicht gerne. Matilda (im Film zu Mathilde eingedeutscht) stellt schließlich keine standesgemäße Partie dar für den künftigen Herrscher Nikolai II. Und der kann sich dem Druck der überkommenen Gepflogenheiten letztendlich nicht entziehen. Als sein Vater Zar Alexander III. (Sergej Garmasch) 1894 bei einem Zugunglück schwer verletzt wird und schließlich stirbt, kommt für seinen Sohn und Nachfolger nur eines in Betracht, die staatspolitische Vernunftehe mit der Prinzessin Alix von Hessen. Der Regisseur Alexej Utschitel legt mit „Mathilde“ ein opulentes Historiendrama vor. Keine Kosten und Mühen wurden gescheut, um die auf einer wahren Begebenheit beruhende Geschichte ins rechte Licht zu rücken. Utschitel ließ sogar eine historische Kathedrale in St.Petersburg originalgetreu nachbauen. Das hinderte orthodoxe Aktivisten jedoch nicht daran, den Film als Majestätsbeleidigung des letzten russischen Zaren massiv anzufeinden. Unter anderem wurde Hauptdarsteller Lars Eidinger mit Drohungen überzogen, die ihn veranlassten, der Filmpremiere am 2. November in St. Petersburg fernzubleiben. Letztlich blieb es bei vereinzelten und erfolglosen Störversuchen und zwei Tage später lief der Film geräuschlos landesweit in den russischen Kinos an. Den Hauptdarsteller Lars Eidinger können die Zuschauer dabei im Originalton hören. Eidinger musste seinen Text eigens auch auf russisch lernen.

Russland 2017, Regie: Alexej Utschitel, Darsteller: Lars Eidinger, Michalina Olszanska, Sergej Garmasch, ab 12, 109 min

20.12.2017 | Die Welt sehen (franz.OmU)

18.00/20.30

Eine Einheit französischer Soldaten, darunter mit Aurore (Ariane Labed) und Marine (Soko) zwei Frauen, kehrt aus Afghanistan zurück. Doch bevor es in die Heimat geht, wird die Gruppe erst einmal für ein paar Tage in ein Fünf-Sterne-Hotel auf Zypern einquartiert. Der Aufenthalt ist allerdings nicht als Urlaub gedacht, sondern dient dem Ziel der „Dekompression“, wie es im Militärjargon heißt. Ein emotionaler Druckausgleich sollen die Tage im sonnendurchfluteten Paradies sein, was auch dringend nötig ist, denn in Afghanistan haben die Soldaten grausames mitgemacht. In Gruppensitzungen berichten sie von ihren Erlebnissen, durchleben diese mittels Virtual-Reality-Brillen noch einmal, im Versuch, sie zu verarbeiten. Die „Dekompression“ alleine hätte als Filmthema eigentlich gereicht, aber die beiden Regisseurinnen Delphine und Muriel Coulin rücken im letzten Drittel ihres Werkes auch noch etwas anderes in den Vordergrund, nämlich das Verhältnis von männlichen und weiblichen Soldaten in der durch und durch patriarchalischen Welt des Militärs und auch das birgt bekanntermaßen ganz erhebliche Probleme. Ein vielschichtiges und ambitioniertes Drama der beiden Regie-Schwestern Coulin, in dem Zypern weit mehr ist als nur bloße Kulisse. Die Insel wird gleich zu Beginn des Films als gesellschaftliches und politisches Bindeglied zwischen Europa und Asien vorgestellt. Und nur rund 100 Kilometer von der syrischen Küste entfernt wird Zypern auch geographisch zum Ort der Dekompression.

Frankreich 2016, Regie: Delphine und Muriel Coulin, Darsteller: Ariane Labed, Soko, Ginger Roman, ab 12, 100 min, franz. Orig. m. dt. Untertiteln

13.12.2017 | Casting

18.00/20.30

Hinter den Kulissen eines Fernsehstudios. Eine Neuverfilmung des berühmten Fassbinder-Films „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ soll gedreht werden. Für die Regisseurin Vera (Judith Engel) geht ein Traum in Erfüllung, ihr erster Fernsehfilm. Ein Casting findet statt, um die Rolle der Hauptdarstellerin zu besetzen. Das ganze zieht sich hin und da sieht Gerwin (Andreas Lust) seine große Chance am Horizont auftauchen. Gerwin ist die „Anspielwurst“, wie es so treffend wie direkt im Filmjargon heißt: Er dient als Anspielpartner und Stichwortgeber für die wechselnden Kandidatinnen. Und je länger die Auswahlprozedur andauert, desto mehr steigert sich Gerwin in die Phantasie hinein, vielleicht auch irgendwie als richtiger Schauspieler in den Film reinzurutschen. „Casting“-Regisseur Nicolas Wackerbarth beschreibt genau die Situation, sich als Kandidat in wenigen Minuten so präsentieren zu müssen, dass Regisseur und Produzent zu dem Schluss kommen: Der ist es. Zwischen Selbstüberschätzung und Unsicherheit bewegen sich die Figuren in „Casting“. Und wenn sie Komplimente hören, heißt das noch lange nicht, dass sie die Rolle auch bekommen – von der Qualität allein hängen die Entscheidungen nicht ab. Regisseur Wackerbarth ist seit Jahr im Filmgeschäft und kennt dessen sämtliche Facetten. Aus diesen Erfahrungen speist sich sein bisher bester Film, eine pointierte und mitunter auch tragische Komödie über die Eitelkeiten und Fallstricke der Film- und Fernsehbranche – und über eine arme Anspielwurst.

Deutschland 2017, Regie: Nicolas Wackerbarth, Darsteller: Andreas Lust, Judith Engel, Andrea Sawatzki, ohne Altersbeschränkung, 91 min

06.12.2017 | Was vom Tage übrig blieb

Zu Ehren des neuen Literatur-Nobelpreisträgers Kazuo Ishiguro

18.00/20.30

Darlington Hall, ein englischer Landsitz in den 1930er Jahren. Persönliche Bedürfnisse unterdrückt der pflichtbewusste, pedantisch-korrekte und auf die Etikette bedachte Butler Stevens (Anthony Hopkins). Freiraum für ein eigenes Leben gestattet er sich nicht. Miss Kenton (Emma Thompson), die er als Wirtschafterin einstellt, bringt seine Welt durcheinander. Stevens verleugnet die aufkeimende Liebe, übersieht die dezenten Andeutungen der etwas jüngeren Frau und hält sie auf Distanz. In seiner perfektionierten Dienerrolle sieht er auch darüber hinweg, dass Lord Darlington (James Fox) auf seinem Landsitz konspirative Treffen zwischen britischen und nationalsozialistischen Politikern organisiert und für ein autoritäres Regime in England eintritt. Nach dem Krieg stirbt Lord Darlington, zermürbt von einer Pressekampagne und einem Gerichtsverfahren. Das Personal zerstreut sich. Nur der Butler Stevens bleibt und verwaltet den verfallenden Landsitz wie ein Hausmeister. Da kauft 1956 der reiche Amerikaner Lewis (Christopher Reeve) das Anwesen und lässt es wieder herrichten. Als Miss Kenton in einem Brief andeutet, an einer erneuten Anstellung in Darlington Hall interessiert zu sein, bricht bei Stevens die Vergangenheit hervor. Er träumt davon, das vor zwanzig Jahren versäumte nachholen zu können. Doch die Zeit lässt sich nicht zurück drehen. Nach dem gleichnamigen Roman des frischgebackenen Nobelpreisträgers Kazuo Ishiguro setzt der Regisseur James Ivory das Gesellschaftsdrama in ruhige und sorgfältig komponierte Bilder um. Er präsentiert die melancholische Bilanz eines versäumten Lebens und Kritik an lebensfeindlichen gesellschaftlichen Konventionen. In dem vielschichtigen Film geht es aber auch um die Schuld von Menschen, die ihre Pflicht erfüllen und glauben, es sei nicht ihre Aufgabe, sich um das Fehlverhalten von Autoritäten zu kümmern. „Was vom Tage übrig blieb“ wurde 1994 in sieben Kategorien für einen Oscar nominiert, hatte jedoch seinerzeit keine Chance gegen die Gewinner-Filme „Schindlers Liste“ und „Das Piano“.

Großbritannien/USA 1993, Regie: James Ivory, Darsteller: Anthony Hopkins, Emma Thompson, James Fox, Christopher Reeve, ab 6, 134 min