26.12. | Pink Elephants

18.00/20.30

Die Teilnehmer schreien, toben, weinen und kriechen, ihren Verstand haben sie ausgeschaltet. Im Schauspieler-Workshop des New Yorkers Bernard „Bernie“ Hiller ist das so gewollt, mehr noch, der Coach fordert es kompromisslos. Wer nicht spurt, fliegt raus. Das Geld zurück gibt’s natürlich nicht. Alle Teilnehmer bleiben, sie versprechen sich von dem brutalen Seelen-Striptease den großen Karrieresprung. Bernard Hiller ist von seiner Lehrmethode zutiefst überzeugt. Er kontrolliert alles, die Dramaturgie steht bis ins kleinste Detail vorher fest. Der absolute Herrscher fordert von seinen willigen Untertanen die totale seelische Entblößung und verspricht als Belohnung die schauspielerische Weiterentwicklung. Nur durch das Leid wächst die Kraft. Da drängt sich der Gedanke auf: Das ist kein Schauspieltraining, das ist eine Therapie. Die Teilnehmer des „masterclass“-Workshops brauchen und wollen eigentlich Lebenshilfe. Die Regisseurin Susanne Bohlmann hat mehrere Jahre an ihrem Film gearbeitet und ist mittendrin im Geschehen. Sie kommentiert nichts, aber zeigt alles. Es ist nicht einfach, dabei zuzusehen, wie schnell diese eigentlich intelligenten Leute bereit sind, ihren Verstand auszuschalten. Das führt zu der Frage: Warum ist es so leicht, sich Menschen gefügig zu machen ? Und man könnte darüber nachdenken, wie sich wohl ein Klaus Kinski in diesem Workshop verhalten hätte…

Deutschland 2016, Regie: Susanne Bohlmann, Dokumentation, ab 12,
92 min, Original mit Untertiteln (Originalsprachen Englisch, Französisch, Deutsch)

19.12. | Bad Times at the El Royale

18.00/20.30

Cal Neva hieß das sagenumwobene Hotel, das Frank Sinatra, Dean Martin und ihre zwielichtigen Freunde im Jahr 1960 kauften. Es enthielt ein Tunnelsystem, um es Mitgliedern der Mafia zu ermöglichen, das Grundstück unbemerkt zu betreten und zu verlassen. Manche glauben, dass Marilyn Monroe dort gestorben sein könnte, andere behaupten, es sei ein Liebesnest für Politiker wie John F. Kennedy gewesen. Diesen Ort hat der amerikanische Regisseur Drew Goddard in „Bad Times at the Royale“ zu seiner Filmkulisse auserkoren. Das titelgebende Hotel befindet sich genau auf der Staatsgrenze zwischen Nevada und Kalifornien, erkennbar an einem dicken roten Streifen, der sich quer durch Lobby und Parkplatz zieht. Das ist originell und attraktiv, trotzdem ist das El Royale 1969 vom Luxushotel zur Billigabsteige verkommen. Da tauchen eines Tages unerwartet vier Gäste auf: Laramie Seymour Sullivan, ein geschwätziger Staubsaugervertreter (Jon Hamm), Darlene Sweet, eine schwarze Soulsängerin (Cynthia Erivo), der freundliche Priester Daniel Flynn (Jeff Bridges) und eine mürrische Unbekannte (Dakota Johnson). Die unterschreibt im Gästebuch einfach mit einem knackigen „fuck you“ und hält ansonsten in ihrem Koffer eine junge Frau gefangen – gefesselt und geknebelt. Aber auch die übrigen Hotelgäste tragen schwer an ihren verborgenen Altlasten. Das Hotel selbst birgt ebenfalls ein Geheimnis. Alle Räume sind mit Spionagespiegeln ausgestattet, so dass der Concierge jedwedes merkwürdige Treiben filmen kann. Dass die vier Hauptakteure keine gute Zeit miteinander haben werden, ist schon im Filmtitel festgeschrieben. Regisseur Goddard schickt sein Ensemble in eine blutige Nacht, die in der Ankunft von Sektenführer und Hippiemörder Billy Lee (Chris Hemsworth) gipfelt. Goddards Stil zieht Vergleiche mit den Filmen Quentin Tarantinos nach sich und die sind berechtigt. Sein Retrothriller und Kammerspiel zeigt den Mikrokosmos eines Amerikas der Endsechziger Jahre. Es ist eine ziemlich bösartige Hommage.

USA 2018, Regie: Drew Goddard, Darsteller: Jeff Bridges, Jon Hamm, Dakota Johnson, Cynthia Erivo, Chris Hemsworth, ab 16, 141 min

12.12. | Gegen den Strom

18.00/20.30

Nach außen hin ist die Chorleiterin Halla (Halldora Geirhardsdottir) eine liebenswürdige, geradezu harmlose Person. Der Eindruck täuscht jedoch gewaltig, denn die Endvierzigerin führt ein geheimes Doppelleben. In ihrer Freizeit durchstreift sie als beinharte Umweltaktivistin die isländischen Berge, um Stromleitungen zu zerstören. Das kommt bei der Obrigkeit gar nicht gut an. Als ihre Anschläge gefährlicher werden, rücken Hubschrauber und Drohnen zur Verfolgung an. Nur mit Hilfe eines knorrigen Schafzüchters kann Halla entkommen. Das klingt insgesamt märchenhaft und ist es auch. Wenn Halla mit Pfeil und Bogen eine Drohne vom Himmel holt, ist das nicht sehr wahrscheinlich, aber umso symbolträchtiger. Die Jagdgöttin Artemis oder auch der weibliche Robin Hood im Kampf gegen eine hochgerüstete feindliche Übermacht. Das ist Abenteuer pur. Dem Regisseur Benedikt Erlingsson ist mit „Gegen den Strom“ ein origineller Film zwischen poetischer Eleganz und isländischer Bodenständigkeit gelungen.
Island 2018, Regie: Benedikt Erlingsson, Darsteller: Halldora Geirhardsdottir, Johann Sigurdarson, David Por Jonsson, ab 6, 100 min

5.12. | Ava

18.00/20.30

Salz in den Haaren, Sonne auf der Haut, die 13-jährige Ava (Noee Abita) verbringt die Ferien mit ihrer Familie an der französischen Atlantikküste. Doch der schöne Schein trügt gewaltig. Ava leidet unter retinis pigmentosa, der Auflösung der Netzhaut. Schon bald wird sie ihr Augenlicht verlieren. Es ist ihr letzter Sommer, in dem sie noch etwas sehen kann, die letzten Bilder in sich aufsaugen kann, bevor sie in ewiger Finsternis versinkt. Aber statt an ihrem Schicksal zu verzweifeln, ist das Mädchen wild entschlossen, noch einmal aufregende Wochen voller Abenteuer, Liebe und Freiheit zu erleben. Da kommt ihr der 18-jährige Juan (Juan Cano) gerade recht, den sie am Strand kennenlernt und der zu der Sorte Jüngling zählt, vor der einem Eltern und Schwiegermütter schon immer gewarnt haben. Die beiden verbünden sich und rauben, wie einst Bonnie und Clyde, zwar keine Banken, aber dafür Touristen am Strand aus. Wilde und archaische Verkleidungen sind dabei ihr Markenzeichen. Gerade 29 Jahre alt ist die Regisseurin Lea Mysius und „Ava“ war ihr Abschlussfilm an der Pariser Filmhochschule La Femis. Das Drehbuch schrieb sie in wenigen Tagen, was man dem Film aber zu keinem Zeitpunkt anmerkt. Ein Film, der Themen, Motive und Stile munter durcheinander wirft und immer neue Wege und Abzweigungen ausprobiert. Und für Filmkunst-Liebhaber ganz besonders interessant: Das Werk wurde nicht mit der Digitalkamera, sondern auf 35mm gedreht.

Frankreich 2017, Regie: Lea Mysius, Darsteller: Noee Abita, Juan Cano, Laure Calamy, ab 12, 105 min