31.8. | Chiara

18.00/20.30

Gioia Tauro, eine kleine Hafenstadt in Kalabrien. Wir sehen die fünfzehnjährige Chiara (Swamy Rotolo) in ihrer Welt. Im Sportstudio auf dem Laufrad, mit ihren beiden Schwestern zu Hause auf dem Sofa rumalbernd, vor der Schule mit ihren Freundinnen beim Lästern über andere Mädchen und ihre Auftritte in den sozialen Medien, schließlich abends beim großen Fest zum 18. Geburtstag ihrer älteren Schwester. Dieses Fest markiert den letzten Tag ihrer heilen Welt. An diesem Abend explodiert das Auto ihres Vaters vor der Wohnung und er verschwindet. Da macht die 15-jährige sich zum ersten Mal Gedanken, womit er eigentlich das Geld verdient. Aus den Nachrichten erfährt sie, dass er in die mafiösen Geschäfte der kalabrischen N’drangheta verwickelt ist, dass er untergetaucht ist und auf einer Fahndungsliste steht. Sie hat viele Fragen, die von ihrer Familie blockiert werden, sucht aber weiter beharrlich, wachsam und fordernd nach Spuren. Sie lässt sich nicht abfertigen mit den Ausflüchten der Erwachsenen, die sie wie ein Kind behandeln, behaupten, dass es besser sei, wenn sie nichts wisse, dass sie zu jung sei und keinen Grund habe, sich zu sorgen. Sie kämpft sich durch zu ihrem Vater, um ihn zur Rede zu stellen und bringt mit ihrer Suche nicht nur ihn, sondern auch sich selbst in Gefahr. Es ist ein Ereignis, wie Swamy Rotolo diese mutige Suche nach der unbequemen Wahrheit auf die Leinwand bringt, zugleich verletzlich, erschüttert und unnachgiebig wachsam, wie sie das Wechselbad ihrer Gefühle offenbart, ihre Unsicherheit, aber auch ihre Widerstandskraft. Vor zwölf Jahren ist der gebürtige New Yorker Jonas Carpignano nach Gioia Tauro gezogen. Mit dokumentarischem Gespür fängt der Regisseur das Leben dort ein, macht die Menschen, die dort leben, auf eine aufregend rohe und unmittelbare Weise zu Darstellern einer fiktiven Version ihres eigenen Lebens. Dass Chiara, ihre Schwestern und ihr Vater so authentisch wie eine liebevoll verbundene Familie wirken, hat auch damit zu tun, dass sie es in der Realität tatsächlich sind.

Italien 2021, Regie: Jonas Carpignano, Darsteller: Swamy Rotolo, Grecia Rotolo, Claudio Rotolo, ab 12, 121 min, Original mit deutschen Untertiteln

24.8. | AEIOU – Das schnelle Alphabet der Liebe

18.00/20.30

Der Tag im Berliner Synchronstudio hat die Schauspielerin Anna (Sophie Rois) mal wieder unterfordert. Auf dem Nachhauseweg wird sie vor der Paris Bar in der Kantstraße plötzlich angerempelt – ein junger Mann entreißt ihr die Handtasche und läuft davon. Ein paar Tage später steht sie dem Täter auf einmal wieder gegenüber. Taschendieb Adrian (Milan Herms) ist ein Waisenkind und gilt als schwieriger Fall. Von Anna soll er jetzt Sprechunterricht als Vorbereitung für einen Schultheaterkurs bekommen. Trotz des vorangegangenen Überfalls lässt sich Anna darauf ein und eröffnet damit die Möglichkeit zur Annäherung der beiden so unterschiedlichen Charaktere. Bald werden die Unterrichtsstunden zu Abendessen, Spaziergängen und gemeinsam gerauchten Zigaretten. Später im Urlaub an der Cote d’Azur wird noch ein Zahn zugelegt. In bester Bonnie and Clyde-Manier erleichtern Anna und Adrian als überaus flinke Taschendiebe Touristen, Hotelgäste und Luxusläden – hier ein Geldbeutel, da eine Tasche, dort ein Collier. Improvisierte Masken aus Zeitungspapier sind ihr einziges Schutz- und Hilfsmittel. Die Regisseurin Nicolette Krebitz erzählt in ihrem vierten Film erneut eine, nun ja, nicht ganz realistische Liebesgeschichte, aber sie tut das auf so schwebende, verspielte und poetische Art und Weise, dass sich irdische Fragen nach irgendeiner Wahrscheinlichkeit gar nicht erst stellen. Eine luftige Romanze, in der nichts festgeschrieben ist, aber alles möglich zu sein scheint.

Deutschland/Frankreich 2022, Regie: Nicolette Krebitz, Darsteller: Sophie Rois, Milan Herms, Udo Kier, ohne Altersangebe, 105 min

17.8. | Der beste Film aller Zeiten

18.00/20.30

Der steinreiche Industrielle Don Humberto (Jose Luis Gomez) feiert seinen 80. Geburtstag. Da kann man sich schon mal die Frage stellen, mit was man für die Nachwelt dauerhaft in Erinnerung bleiben kann. Don Humbertos Lösung: Er wird den besten Film aller Zeiten produzieren und der wird ihn unsterblich machen ! Er kauft die Rechte eines gefeierten Bestsellers (den er nicht gelesen hat) und engagiert die angesagteste Regisseurin des Landes, Lola Cuevas (Penelope Cruz). Bei der Besetzung der beiden Hauptrollen wird auch nicht gespart. Der international erfolgreiche Kinostar Felix Rivero (Antonio Banderas) wird angeheuert und ebenso der Theater-Haudegen Ivan Torres (Oscar Martinez). Beide sind grundverschieden und haben noch nie zusammengearbeitet. Ihre gegenseitige Abneigung und Rivalität soll dem Film den nötigen Pfeffer verleihen. Der eine ist ein Frauenschwarm mit Massen-Appeal, der andere ein Snob, der sich der hohen Kunst verschrieben hat und sein Publikum verachtet. Die drei Protagonisten verkörpern ihre Figuren mit sich gegenseitig hochschaukelnder Spielfreude und nehmen dabei auch ihr eigenes Image gehörig auf die Schippe. Die argentinischen Regisseure Mariano Cohn und Gaston Duprat präsentieren ein Gipfeltreffen dreier Egomanen mit funkensprühenden Dialogen und viel Situationskomik. Eine urkomische Satire über Eitelkeiten und Heuchelei in der Filmbranche – die bei Lichte betrachtet nur ein ganz kleines bisschen übertrieben ist…

Spanien/Argentinien 2021, Regie: Mariano Cohn und Gaston Duprat, Darsteller: Penelope Cruz, Antonio Banderas, Oscar Martinez, Jose Luis Gomez, ab 12, 114 min.

10.8. | Wie im echten Leben

18.00/20.30

Das Enthüllungsbuch „Der Mann, der bei BILD Hans Esser war“ avancierte 1977 in Deutschland zu einem großen Erfolg. Der Journalist Günter Wallraff beschrieb darin seine Erfahrungen, die er als Undercover-Redakteur bei der Zeitung mit den vier großen Buchstaben gesammelt hatte. Einen ähnlichen Weg ging 2009 die französische Reporterin Florence Aubenas. Inkognito übernahm sie den Job als Putzfrau auf der Fähre nach England im Küstenort Ouistreham. Ihr Buch „Le quai de Ouistreham“ war ein ebenso großer Erfolg wie Wallraffs Dokumentation und kommt jetzt in die Kinos. Juliette Binoche verkörpert die heimliche Putzfrau Marianne, so heißt sie im Film. Eigentlich ist sie Schriftstellerin, gibt sich aber als mittellose, verlassene Ehefrau aus. Die Putzkolonne, in der sie landet, muss jeden Tag 230 Schiffskabinen reinigen, in anderthalb Stunden. Harte körperliche Arbeit, rüder Umgangston und permanenter Zeitdruck, das sind die täglichen Arbeitsumstände. Dagegen gesetzt wird eine verschworene Solidarität unter den Kolleginnen, eine proletarische Nestwärme, die Marianne zutiefst anrührt. Der Film des Regisseurs Emmanuel Carrere offenbart aber auch die unterschiedliche Wahrnehmung, hier die wohlsituierte Bohemienne, die ihren Knochenjob jederzeit hinschmeißen kann, dort ihre Kolleginnen, die keine andere Perspektive als das besinnungslose Schuften haben. Dieser Gegensatz setzt sich fort, als Marianne entlarvt wird. Sie kann allerbeste Absichten für sich in Anspruch nehmen, sie erreicht ihr Ziel, in einem Buch die empörenden Arbeitsbedingungen der „Unsichtbaren“ öffentlich zu machen. Dennoch empfinden die anderen Frauen das Ausspionieren ihrer Lebensumstände als demütigenden Verrat, ist doch in ihrem Leben Solidarität überlebenswichtig. Da schließt sich die grundsätzliche Frage an: Ist Freundschaft über Klassengrenzen hinweg möglich?

Frankreich 2021, Regie: Emmanuel Carrere, Darsteller: Juliette Binoche, Lea Carne, Didier Pupin, ab 6, 106 min

3.8. | The Outfit – Verbrechen nach Maß

18.00/20.30

Mit bedächtigen Bewegungen näht Leonard Burling (Mark Rylance) ein Knopfloch um. Behutsam lässt er seine Schere durch edlen Wollstoff gleiten. Diesem schmalen Mann bei seiner konzentrierten Demonstration einiger von 228 Arbeitsschritten hin zu einem Maßanzug zuzuschauen, bereitet ein schwer definierbares Vergnügen. Der englische Maßschneider hat sein Atelier in der Londoner Savile Row aufgeben müssen und ist für einen Neuanfang nach Amerika umgezogen. Doch mit dem Chicago im Jahre 1956 ist definitiv nicht zu spaßen. Unter Leonards Kunden befindet sich der irische Mafiapate Roy Boyle plus Anhang. Die öffentlichkeitsscheuen Herrschaften nutzen das Hinterzimmer des Schneiderateliers gerne als geheimen Briefkasten. Leonard versteckt sich vor den ruppigen Besuchern hinter seiner Arbeit, aber als Richie (Dylan O’Brien), der präpotente Sohn des Mafiabosses, angeschossen wird und in seinem Laden Unterschlupf sucht, kann sich der Schneider nicht mehr länger heraushalten. Draußen lauern zudem die konkurrierende Lafontaine-Bande sowie das ominöse Gangster-Netzwerk The Outfit – für Leonard wird die Luft in seinem Laden immer dünner. Der Film des Regisseurs Graham Moore ist betont british inszeniert. In seinen knappen Dialogen erinnert er an den englischen Dramatiker Harold Pinter und außerdem an den Londoner Theater-Dauerbrenner „Die Mausefalle“ von Agatha Christie. Hier wie dort geht es um die listenreiche Strategie von Menschen, die, allein unter Raubtieren, ums Überleben kämpfen müssen. Ein außergewöhnlich spannendes filmisches Kammerspiel.

USA 2022, Regie: Graham Moore, Darsteller: Mark Rylance, Dylan O’Brien, Zoey Deutch, ab 16, 105 min