27.2. | Der marktgerechte Patient

18.00/20.30

Horror-Szenarien von in dunklen Kellerfluren vergessenen OP-Patienten und Pflegekräften am Rande des Nervenzusammenbruchs, fast jeder kennt solche Geschichten. Das Filmemacher-Duo Leslie Franke und Herdolor Lorenz untersucht in seiner Dokumentation diese skandalösen Zustände. Die Einführung der sogenannten Fallpauschale in den deutschen Krankenhäusern im Jahre 2004 öffnete der Ökonomisierung des Krankenhauswesens Tür und Tor. Ein Oberarzt sagt unverblümt: „Das Geld steht im Mittelpunkt aller Gedanken.“ Franke und Lorenz zeigen anhand von Beispielen aus München und Hamburg, wohin so etwas führt. In Hamburg wurden, gegen den Willen der Bevölkerung, sämtliche Krankenhäuser an den privaten Betreiber Asklepios verkauft, der Anleger mit zwölf Prozent Rendite anlockt. Eine dramatische Wirkung auf das Wohl der Patienten und das medizinische Personal ist damit geradezu vorprogrammiert. Kommentare von Akteuren, Opfern und Kritikern stehen im Mittelpunkt dieser Dokumentation. Den Abschluss bilden der Streik an der Berliner Charité im Sommer 2017 und die noch laufende Initiative für einen Volksentscheid gegen den Personalnotstand in Hamburg. Die Gegenseite mobilisiert ihre Kräfte und weitere Kämpfe in der Zukunft sind zu erwarten.

Deutschland 2018, Regie: Leslie Franke, Herdolor Lorenz, Dokumentation, ab 12, 82 min

In Kooperation mit dem Verein Literatur und Politik

Nach der 18 Uhr-Vorstellung berichtet Kerstin Bringmann (ver.di-Bezirk Bremen-Nordniedersachsen) über das Konzept und das Verhalten der AMEOS-Kliniken Bremerhaven

mit anschließender Diskussion

20.2. | Fahrenheit 11/9

18.00/20.30

Wie konnte Donald Trump US-Präsident werden? Oder drastischer ausgedrückt: „How the fuck did this happen?“ Mit diesem Intro beginnt die neue Dokumentation des amerikanischen Regisseurs Michael Moore. Seine zweistündige Diagnose einer politisch-gesellschaftlichen Krise kommt zu folgendem Ergebnis: Bequemlichkeit und Ignoranz hätten Trump ins Amt geholfen. Niemand habe vor der Wahl etwas gegen dessen Aufstieg unternommen. Dabei lag alles, was Trump zu einer Zumutung im höchsten Staatsamt macht, zu jeder Zeit offen. „Fühlen Sie sich jetzt unbehaglich?“ fragt Moore maliziös, „warum denn das? Nichts davon ist neu.“ Der Doku-Aktivist misst in „Fahrenheit 11/9″ die aktuelle amerikanische Betriebstemperatur und dazu trifft er sich mit ganz unterschiedlichen Augenzeugen. Schüler aus Parkland, Florida sind darunter, die nach dem Massaker an ihrer Highschool gegen die Waffenlobby zu Felde ziehen. In West-Virginia porträtiert er drangsalierte und unterbezahlte Lehrerinnen und er besucht junge, radikale Politiker aus New York und Michigan, die noch nicht vom Lobbyismus-Wurm in der Demokratischen Partei befallen sind. Noch viel mehr Wucht würde sein Film allerdings entfalten, wenn er auch Trump-Sympathisanten Raum gegeben hätte, um seine Dokumentation auch für diese Menschen zu öffnen und vor allem deren Motive zu verstehen. Sie haben Trump schließlich ganz bewusst gewählt. Überraschend war wohl nur, dass es so viele gewesen sind.

USA 2018, Regie: Michael Moore, Dokumentation, ab 12, 128 min

13.2. | An den Rändern der Welt

18.00/20.30

Fünf Minuten kann ein Seenomade aus dem indonesischen Stamm der Bajao tauchen, ohne Luft zu holen. Das befähigt ihn, unter Wasser und nur mit einem Speer bewaffnet, auf Fischjagd zu gehen, ganz ohne Angel oder Netz. Das bedeutet, sich perfekt an die Natur anzupassen und gleichzeitig im Einklang mit ihr zu leben. Ganz ähnliche Überlebensstrategien haben die Indios im brasilianischen Mato Grosso entwickelt und auch die Angehörigen des Stammes der Dasanech in Äthiopien. Der Naturfotograf Markus Mauthe hat diese Menschen „an den Rändern der Welt“ besucht, begleitet vom Filmemacher Thomas Tielsch. Die daraus entstandene Dokumentation hat ein klares Ziel. Sie will für diese indigenen Gemeinschaften ein Vermächtnis formulieren. Denn alle diese Gruppierungen sind durch den zunehmenden Kontakt mit der modernen Welt und deren brutale Verdrängungsmechanismen in ihrer Lebensgrundlage gefährdet. Dem Filmteam ist ein faszinierender Einblick in fremde Kulturen mit betörend schönen Bildern gelungen. Auch bemüht sich die Dokumentation merklich darum, den Protagonisten ihre Würde und Souveränität zu lassen. Eine Frau aus dem Stamm der Dasanech sagt selbstbewusst in die Kamera, dass sie die Zivilisation der Weißen nicht brauche. Sie fragt „Warum seid ihr gekommen? Warum unterhältst du dich mit mir? Wirst du der Welt von meinen Problemen berichten?“ Genau das tun Markus Mauthe und Thomas Tielsch mit ihrem Film.

Deutschland 2018, Regie: Thomas Tielsch, Dokumentation, ohne Altersbeschränkung, 90 min

6.2. | Climax

18.00/20.30

Es beginnt unspektakulär. Eine französische Tanzgruppe probt ihre Choreographie für eine geplante USA-Tournee. Im Anschluss darf gefeiert werden, doch die Party geht ganz gewaltig daneben. Ein Unbekannter hat LSD in den Sangria gemischt und alsbald weicht das Glücksgefühl dem Hass und der Brutalität. Zuneigung entwickelt sich zu ungestümer Lust. Bald fließt Blut. Am nächsten Morgen offenbart sich das ganze Ausmaß einer völlig aus dem Ruder gelaufenen Nacht. Der Film des Regisseurs Gaspar Noé teilt sich thematisch und atmosphärisch in zwei Abschnitte. Am Anfang stehen die Einführung der Protagonisten und die Tanzproben im Mittelpunkt. Zu pulsierenden Disco-, Synthie- und Hip-Hop-Klassikern filmt Noé die Tänzer in langen Einstellungen und außergewöhnlichen Kameraperspektiven. Nach der Probe beginnt die Aftershow-Party und damit ändert sich die Stimmung. Das Rauschgift verändert das Verhalten der Beteiligten, die harmlose Feier verwandelt sich in einen immer weiter eskalierenden Trip. Was folgt, ist ein geradezu orgiastischer Rausch, bei dem Noé sämtliche Register zieht. Die Musik wird dabei zum pumpenden, aggressiven Soundtrack der entfesselten Szenen auf der Leinwand. Sie zeigen den Menschen als genusssüchtiges, paranoides und gewalttätiges Wesen, das einzig und allein seine Bedürfnisse zu befriedigen versucht. Regisseur Noé inszenierte „Climax“ überwiegend mit professionellen Tänzern ohne Schauspielerfahrung. Das mit Thriller- und Horror-Elementen angereicherte Tanz-Drama erlebte beim letztjährigen Filmfestival in Cannes seine Premiere.

Frankreich 2018, Regie: Gaspar Noé, Darsteller: Sophia Boutella, Romain Guillermic, Giselle Palmer, ab 16, 95 min