Koki Aktuell

  • 7.10. | Sentimental Value

    17.45

    Im Anschluss an die Vorstellung wird der Film von dem Bremer Psychoanalytiker Lorenz Böllinger kommentiert.

    Die Villa, in der die norwegische Familie Borg seit Generationen lebt, ist ein kleines architektonisches Juwel. Für „Sentimental Value“ ist dieser Schauplatz so unverzichtbar, dass er eine eigene Erzählstimme erhält, die aus dem Off berichtet, wie die Räume mit ihren Bewohnern leben. Die Villa wird zu einem emotionalen Minenfeld, als Gustav Borg (Stellan Skarsgard) nach der Beerdigung seiner Frau plötzlich in das Leben seiner Töchter zurückkehrt. Nora (Renate Reinsve) hat ihm nie verziehen, dass er die Familie verließ, ihre jüngere Schwester Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas) ist milder gestimmt. Der Vater war einmal ein berühmter Regisseur und hat ein Drehbuch über den Selbstmord seiner Mutter mitgebracht, das er am Realschauplatz verfilmen will. Nora, eine gefeierte Bühnenschauspielerin, soll die Hauptrolle übernehmen. Brüsk weist sie sein Angebot zurück, das insgeheim ein väterliches Liebeswerben ist. Gustav macht sich notgedrungen auf die Suche nach einer neuen Hauptdarstellerin, gibt die Hoffnung auf Noras Teilnahme aber nicht auf. Der Film ist ein emotional besonders berührendes, über fünf Generationen reichendes Familiendrama. Wie in einem psycho-therapeutischen Prozess, jedoch im Medium Film kunstvoll verdichtet, werden Entstehung, Weitergabe und tendenzielle Auflösung einer Traumatisierung verstehbar gemacht.

    Norwegen/Dänemark/Schweden 2025, Regie: Joachim Trier und Eskil Vogt, Darsteller: Stellan Skarsgard, Renate Reinsve, Inga Ibsdotter Lilleaas, ab 12, 133 min

  • 2.9. | Resurrection

    17.30/20.30

    Beide Vorstellungen werden in der chinesischen Originalfassung mit deutschen Untertiteln gezeigt.

    Die Menschen haben Unsterblichkeit erlangt, indem sie das Träumen abgeschafft haben, denn sie haben herausgefunden, dass Träume die Lebenszeit aufzehren – wie die Flamme das Wachs einer Kerze. Das ist die Ausgangslage in dem phantastischen Science-Fiction-Film des chinesischen Regisseurs Bi Gan. Nur ein paar Unbelehrbare gibt es noch in dieser visionären Welt, „Deliriants“ genannt, die einfach nicht aufhören wollen, sich ihren Träumen hinzugeben. Unbarmherzig werden sie verfolgt von der Agentin „Die Große Andere“ (Shu Qi) und als die schließlich einen von ihnen aufspürt, macht sie eine besondere Entdeckung. Der Ungehorsame (Jackson Yee) trägt einen Projektor in seinem Körper und mit dem setzt die Andere nun die Träume des Delirienten wie einen Film in Gang – eine intensive innere, allerdings auch letzte Reise. Es ist eine Reise, die, mit Prolog und Epilog, aus sechs Episoden besteht, die unterschiedliche Filmgenres und Jahrzehnte repräsentieren. Vom Stummfilm-Prolog geht es über den deutschen Expressionismus, den film noir, den Gangster- und Vampirfilm zur Hongkong-New Wave in der Silvesternacht 1999. Ein hypnotischer Trip durch fremde Welten und durch die Filmgeschichte oder wie ein österreichischer Kritiker es euphorisch ausdrückte: „ „Resurrection“ übersetzt das Filmgedächtnis der Menschheit ins Chinesische.“

    China/Frankreich 2025, Regie: Bi Gan, Darsteller: Jackson Yee, Shu Qi, Mark Chao, ab 16, 160 min

  • 3.6. | The History of Sound

    18.00/20.30

    Die 20.30 Uhr-Vorstellung wird in der englischen Originalfassung mit deutschen Untertiteln gezeigt.

    Der Film setzt 1917 ein. Lionel (Paul Mescal) studiert am New England Conservatory in Boston. Dort begegnet er David (Josh O’Connor), einem etwas älteren Studenten, der sich leidenschaftlich für amerikanische Volkslieder interessiert. Zwischen beiden entsteht rasch eine intime Verbindung, die aber jäh endet, als David zum Militär eingezogen wird. Erst Jahre später meldet sich David wieder, er lädt Lionel ein, ihn auf einer Forschungsreise zu begleiten. Mit einem tragbaren Phonographen ziehen sie durch abgelegene Gegenden Neu-Englands, besuchen Bauernhäuser und kleine Gemeinden, um dort traditionelle Volkslieder auf Wachszylindern aufzunehmen. Als mündliche Geschichtsschreibung wollen sie die Stimmen aus Küchen, Kirchen und Hinterhöfen, Balladen über Liebe, Mord oder Trauer für die Nachwelt erhalten. Am Ende der Reise trennen sich ihre Wege erneut. Lionel geht nach Europa, arbeitet in Rom und später in Oxford, doch die Erinnerung an David bleibt eine stille Konstante seines Lebens. Der südafrikanische Regisseur Oliver Hermanus erzählt diese Geschichte mit ausgeprägter Zurückhaltung. Seine Inszenierung vermeidet große Gesten, setzt stattdessen auf Blicke, Pausen und Musik. Die Kamera taucht Wälder, Farmhäuser und winterliche Landschaften in gedämpfte Farben, die Bilder wirken bisweilen wie Gemälde des amerikanischen Realismus. Eine intensive Liebesgeschichte zwischen zwei Männern, die sich auf die Liebe zur Musik gründet.

    USA/Großbritannien 2025, Regie: Oliver Hermanus, Darsteller: Paul Mescal, Josh O’Connor, Chris Cooper, ab 6, 128 min

  • 10.6. | The Chronology of Water

    18.00/20.30

    Die 20.30 Uhr-Vorstellung wird in der englischen Originalversion mit deutschen Untertiteln gezeigt.

    „Memories are like stories“ sagt eine weinende Frau zu Beginn des Films. Dann folgen 120 Minuten, in deren Verlauf sich bruchstückhafte Erinnerungsbilder wiederholen und überlagern. Daraus entsteht die Biographie der Protagonistin und die hat es in sich. Lidia (Imogen Poots) wird von ihrem Vater jahrelang vergewaltigt, auch ihre Schwester wird zu seinem Opfer. Lidia gelingt die Flucht; sie erhält ein Sportstipendium an der Universität. Schon als Jugendliche hat sie hart trainiert, um Profischwimmerin zu werden; nun will sie sich seelisch buchstäblich freischwimmen, doch ihre Traumata sitzen tief und reisen mit. „The Chronology of Water“ erzählt von dieser kaum zu ertragenden Kindheit, von Alkoholmissbrauch, von toxischen Beziehungen und einer Totgeburt, vor allem aber vom Schreiben als Prozess der Selbstfindung und, vielleicht, Selbstheilung. Die Schauspielerin Kristen Stewart verfilmt in ihrem Regiedebüt den autobiographischen gleichnamigen Roman von Lidia Yuknavitch aus dem Jahr 2011. Stewart erzählt die Geschichte nicht chronologisch, sie arbeitet mit Rückblenden, die nicht immer als solche gekennzeichnet sind. Mit Thora Birch, Kim Gordon und Jim Belushi ist der Film bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt, aber vor allem Imogen Poots spielt die Hauptfigur mit einer immensen Wut und Energie. Die realistisch dargestellte Mischung aus Sex, Missbrauch, Sucht und Kindstod schont weder die Protagonistin noch das Publikum – eine emotionale Zumutung und gleichzeitig ein mutiger und gesellschaftlich relevanter Film. Acht Jahre lang kämpfte Kristen Stewart um die Realisation ihres Regiedebüts, das schließlich bei den Filmfestspielen in Cannes 2025 Premiere feierte.

    USA 2025, Regisseur: Kristen Stewart, Darsteller: Imogen Poots, Susannah Flood, Tom Sturridge, ab 16, 128 min

  • 17.6. | Der letzte Mann

    18.00

    mit einer Einführung von Steffen Liebsch (Kommunales Kino)

    Ein Film aus dem Bestand der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung in Wiesbaden.

    Der Film handelt vom sozialen Abstieg des Portiers des Atlantic-Hotels, der zum Toilettenwärter degradiert wird. Er verliert die prächtige Uniform, die seinen Stolz ausmacht und damit auch die Anerkennung und den Respekt seiner Nachbarn und Familie. Das überraschend positive Ende wurde dem Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau von der Produktionsfirma Ufa aufgezwungen. Deren Chef Erich Pommer begründete das später so: „Wir fügten das Happy-End hinzu, weil sonst der Film so wie das wirkliche Leben gewesen wäre und zu einem kommerziellen Misserfolg geführt hätte,“ Murnau inszenierte das Ende dann aber so märchenhaft und übertrieben, dass es als ironischer Kommentar verstanden werden kann und bereits bei der Uraufführung im Berliner Ufa-Palast am Zoo am 23.Dezember 1924 als solcher erkannt wurde. Der Film gilt als Meilenstein des deutschen Stummfilms, dies wegen der Kameraführung („entfesselte Kamera“) und da er fast ohne erklärende Zwischentitel auskommt, Für Emil Jannings bedeutete seine Darstellung des Portiers in diesem Sozialdrama den Durchbruch zum Charakterdarsteller.

    Deutschland 1924, Regie: Friedrich Wilhelm Murnau, Darsteller: Emil Jannings, Maly Delschaft, Hans Unterkircher, ohne Altersbeschränkung, 90 min

    Der Stummfilm wird live am Klavier begleitet durch den Bremerhavener Musiker und Komponisten Guido Solarek.

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