29.1. | Snorri & der Baby-Schwimmclub

18.00/20.30
Babys schauen ihn mit großen Augen an. Dann hüpfen sie voller Vertrauen in seine Arme und lächeln ihm zu. Ihm, Snorri Magnusson, dem Schwimmlehrer, der den wenige Monate alten Säuglingen das nasse Element nahe bringt. Der nicht mehr ganz junge Mann mit den grauen Schläfen hat seit 1990 rund 7.000 Kindern das Schwimmen beigebracht. In seiner isländischen Heimat wird er geradezu als Ikone verehrt. Der Dokumentarfilm von Elin Hansdottir begleitet diesen Mann bei seiner Arbeit in einer kleinen Schwimmhalle mit gläsernem Kuppeldach. Man sieht Snorri, wie ihn alle nennen, wie er morgens als erster das Bad betritt und wie er abends die Beckenumrandung desinfiziert und die Wickeltische vor den Fenstern wieder hochklappt. Doch so richtig in seinem Element ist Snorri, wenn er mit Babys im Wasser herumtollt. Wenn er sie ermutigt, vom Beckenrand ins Wasser zu rutschen, sie sanft untertaucht und anschließend so enthusiastisch lobt, als hätten sie gerade einen neuen Rekord aufgestellt. Hier geht kein Lehrer seinem Beruf nach, sondern ein begnadeter Pädagoge seiner Berufung. Neben ein paar Experten erzählen auch einige Eltern von ihren Erfahrungen mit Snorri. Manche anfängliche Skepsis weicht schnell großer Begeisterung über die besonderen Qualitäten des einfühlsamen Lehrers. Den Mittelpunkt der Dokumentation bilden aber ganz eindeutig die Szenen mit Snorri und den Babys im Schwimmbad. Vielfach kommt dabei die Unterwasser-Kamera zum Einsatz und wenn die O-Töne in der Halle ausgeblendet und durch zarte Instrumentalklänge ersetzt werden, verleiht das dem Geschehen etwas geradezu Magisches. Ein dokumentarischer Wohlfühlfilm mit einer grundsympathischen Hauptfigur – einer Art Babyflüsterer in Badehose.

Island 2019, Regie: Elin Hansdottir, Anna Run Tryggvadottir, Hanna Björk Valsdottir, Dokumentarfilm, ohne Altersbeschränkung, 74 min

22.1. | Bis dann, mein Sohn

18.00/20.30
Am Anfang steht ein verhängnisvolles Unglück. Zwei befreundete Jungen baden am Ufer eines Staudamms, einer ertrinkt dabei. Ob und wie sein Kamerad daran beteiligt ist, enthüllt sich erst später. Der Unfall ist aber von Beginn an geeignet, einen tiefen Keil zwischen die beiden befreundeten Familien zu treiben. Dass ausgerechnet die eine Mutter in ihrer Funktion als Fabrikdirektorin für Familienplanung der anderen den Abtreibungsbefehl erteilt, treibt die Entfremdung weiter voran. In zahlreichen Zeitsprüngen und Rückblenden nähert sich der Film der Tragik der beiden Familien an, dem Regisseur Wang Xiaoshuai gelingt es dabei jedoch, sein Publikum durch alle Wendungen und Entwicklungen zu tragen. Darüber hinaus baut er Ereignisse der jüngeren chinesischen Zeitgeschichte als Hintergrund ein: die Kulturrevolution, Chinas Ein-Kind-Politik und den Spagat zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Wang, 1966 in Schanghai geboren, hat sich mit seinen Filmen regelmäßig hart am Rande des in China Erlaubten bewegt und „Bis dann, mein Sohn“ macht da keine Ausnahme. Dieses beeindruckende Gesellschaftsportrait, kondensiert im tragischen Schicksal zweier Familien, befand sich bei der letztjährigen Berlinale im Wettbewerb um den Goldenen Bären. Als Favorit gehandelt, gewann der Film die begehrte Auszeichnung dann doch nicht – für viele war das eine große Überraschung.

China 2019, Regie: Wang Xiaoshuai, Darsteller: Wang Jingchun, Yong Mei, Ai Liya, Wang Yuan, ab 6, 185 min

15.1. | Sorry We Missed You

18.00/20.30
Ricky (Kris Hitchen) aus dem nordenglischen Newcastle hat in seinem Leben bereits jeden erdenklichen Job angenommen. Er hat auf dem Bau gearbeitet, Straßen gepflastert, sogar Gräber ausgehoben auf dem Friedhof. Nun versucht er, sich als Paketfahrer „selbständig zu machen.“ Die Fahrer der Lieferfirma werden als eine Art Subunternehmer eingestellt. Sie haben keine festen Arbeitszeiten, sondern werden nach Schnelligkeit der Lieferung und Schwierigkeit der Lieferroute bezahlt. Rasch muss Ricky feststellen, dass der Traum, durch diese Freiheiten sein eigener Chef zu werden, pure Augenwischerei ist. Um seine Familie ernähren zu können, ist er gezwungen, an sechs Tagen in der Woche jeweils 14 Stunden unterwegs zu sein, nur dann reicht das Geld. Jede Verspätung und jeder Ausfall werden mit einer Strafgebühr geahndet. Auch Rickys Frau Abbie (Debbie Honeywood) geht es nicht anders. Als Altenpflegerin hat sie ebenso einen „Null-Stunden-Vertrag“ (wie statistisch 1,4 Millionen Menschen in Großbritannien). Sie wird nach der Anzahl ihrer „Kunden“, wie ihre Chefin die Pflegebedürftigen nennt, entlohnt. Abbie zerreißt dabei fast an der schieren Unmöglichkeit, ihre Arbeit in der kurzen Zeit zu erledigen, die sie nur investieren dürfte, um für sich selbst „wirtschaftlich“ zu arbeiten. Die Schlagzahl, die Ricky und Abbie jeden Tag vorlegen müssen, ist enorm und ab dem Moment, in dem Ricky übermüdet in seinen Transporter steigt, hält man unweigerlich den Atem an und hofft inständig, dass er weder einen Bus streift noch aus Versehen ein Kind überfährt. Es sind harte Szenen, die Regisseur Ken Loach präsentiert. Wie in jedem seiner Filme richtet der englische Altmeister den Blick auf die Arbeiter, die durch neoliberale Wirtschaftspolitik und den Abbau von Sozialgesetzen jeden Tag aufs neue um die reine Existenz kämpfen müssen. Ein Sozialdrama, bei dem man bis zum Schluss den Atem anhält – und mancher vielleicht danach beschließt, bei Amazon so schnell nichts mehr zu bestellen.

Großbritannien 2019, Regie: Ken Loach, Darsteller: Kris Hitchen, Debbie Honeywood, Rhys Stone, Katie Proctor, ohne Altersangabe, 100 min

8.1. | Das Forum

18.00/20.30
Wer ist Klaus Schwab? Nur die wenigsten dürften seinen Namen kennen. Dabei ist der deutsche Wirtschaftswissenschaftler derjenige, der 1971 die European Management Conference gründete, aus der im Jahre 1987 das Weltwirtschaftsforum hervorging. Schwab konnte nicht ahnen, dass 50 Jahre später globale Führungskräfte aller Schattierungen seine Konferenz im schweizerischen Davos besuchen würden. Justin Trudeau, Donald Trump, Jair Bolsonaro und Angela Merkel standen in den letzten beiden Jahren auf der Gästeliste. Als erstem unabhängigen Filmemacher war es Marcus Vetter vergönnt, die beiden Konferenzen 2018 und 2019 mit der Kamera zu begleiten. Klaus Schwab ist immer noch dabei und seine Idealvorstellung nach wie vor glasklar: Für die weltweite Verbesserung der Lebensumstände sollen alle zusammenarbeiten, nicht nur Politiker und Wirtschaftsmanager, sondern auch Künstler, Historiker und andere Geisteswissenschaftler. Die Fähigkeit zum aufmerksamen Diskurs, zum Zuhören, zum Reden und Redenlassen fordert Schwab dabei von sich und allen anderen. So kommt es zum Beispiel zum Gespräch zwischen dem brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro und der Geschäftsführerin von Greenpeace International Jennifer Morgan. Ob bei derartigen Begegnungen wirklich etwas herauskommt, das ist eine der Fragen, um die Marcus Vetter in seinem Film kreist. Es gibt da gehörige Zweifel, so bezeichnete der irische Sänger Bono das Treffen im winterlichen Davos einmal abfällig als Ansammlung von „fat cats in the snow“. Auch das Übergewicht von Wirtschaftsvertretern stößt bei so manchem Kritiker übel auf, jenen Wirtschaftsvertretern, die das Treffen maßgeblich finanzieren. Für Klaus Schwab und seine Mitstreiter ist das seit einem halben Jahrhundert ein überaus zweischneidiges Schwert und ein Balanceakt zugleich. Regisseur Vetter taucht tief ein in diese Welt der Begegnungen der Mächtigen und beleuchtet nicht nur die Themen, die sie verhandeln, sondern wie sie sie verhandeln. Und er zeigt, wie durch Kommunikation zwischen Menschen mit unterschiedlicher Meinung doch Veränderungen möglich werden – wenn auch nur in ganz kleinen Schritten.

Deutschland/Schweiz 2019, Regie: Marcus Vetter, Dokumentarfilm, ohne Altersangabe, 115 min, deutsch/englisch/portugiesisch/chinesisch u.a. (mit deutschen Untertiteln)