25.11. | Milla meets Moses

18.00/20.30

Zahlreich sind die Filme mit an Krebs erkrankten Kindern und Jugendlichen. Diese Geschichten sind meistens ein Vehikel, nach dem Sinn des Lebens zu fahnden, der sich in diesen zugespitzten Situationen möglicherweise finden lässt. Auch „Milla meets Moses“ macht da keine Ausnahme; ansonsten schlägt der Film jedoch eine völlig andere Richtung ein. Keinesfalls kommt er traurig daher, er ist eher wie eine Bombe voller Leben. Selbstmitleid, nichts hasst die krebskranke 15-jährige Milla (Eliza Scanlen) mehr. Es gilt ein Leben zu leben und das tut sie mit einer Wucht, die den Zuschauer regelrecht aus den Socken haut. Eines Tages trifft sie Moses (Toby Wallace). Moses ist ein Streuner und meistens auf Droge. Kein Wunder, dass Millas neue Bekanntschaft bei deren Eltern Henry (Ben Mendelsohn) und Anna (Essie Davis) nicht gerade auf Begeisterung stößt. Bei Lichte betrachtet sind die beiden allerdings keineswegs besser, auch sie kämpfen mit Drogenproblemen. Dem Regisseur Shannon Murphy geht es nicht ums Sterben oder Bedauern, es geht um Menschen und deren Umgang miteinander und der ist in seinem Film ehrlich und herzlich zugleich. Der Krebs steht nicht im Mittelpunkt, sondern bildet den Katalysator, der dazu verhilft, die Dinge, die man immer schon mal tun wollte, jetzt und nicht später in Angriff zu nehmen. Mehr Leben geht kaum.

Australien 2019, Regie: Shannon Murphy, Darsteller: Eliza Scanlen, Toby Wallace, Essie Davis, Ben Mendelsohn, ab 12, 118 min

18.11. | Niemals selten manchmal immer

18.00/20.30

Autumn (Sydney Flanigan) ist 17, aufgewachsen im Arbeitermilieu des ländlichen Pennsylvania. Wir erfahren, dass sie schwanger ist und dass sie von ihren Eltern keine Hilfe erwarten kann. Sie möchte das Kind nicht behalten und weil Minderjährige in Pennsylvania nur mit Einwilligung ihrer Erziehungsberechtigten abtreiben dürfen, reist sie nach New York, wo es diese Bedingung nicht gibt. In ihrer Cousine Skylar (Talia Ryder) findet sie die Verbündete, die sie in dieser Situation braucht und die sie begleitet. In den Aufklärungsgesprächen der New Yorker Abtreibungsklinik gewinnt dieser Film fast dokumentarische Qualität. Die Regisseurin Eliza Hittman zeigt beides: die professionelle Zugewandtheit der Mitarbeiter und die psychologische Bürde eines Schwangerschaftsabbruchs. Autumn muss viele Fragen beantworten, Fragen danach zum Beispiel, wie oft sie sexuell bedrängt und genötigt wurde. Ihre Antwortmöglichkeiten bilden den Titel des Films: nie, selten, manchmal, immer – und die Szene, in der ihr diese Fragen gestellt werden, wird aus dem feministischen Kino künftig nicht mehr wegzudenken sein. Die Regisseurin Hittman bewies bereits in ihren früheren Filmen großes Geschick darin, junge unbekannte Schauspieler-Talente zu entdecken, so auch diesmal. Die Newcomerinnen Sidney Flanigan und Talia Ryder verkörpern die beiden Hauptrollen mit großer emotionaler Präzision. Kein Wunder, dass Never Rarely Sometimes Always erfolgreich beim Sundance Film Festival gezeigt wurde und dann auch bei der letzten Berlinale den Weg in den Goldenen Bären-Wettbewerb fand.

USA 2020, Regie: Eliza Hittman, Darsteller: Sidney Flanigan, Talia Ryder, Sharon Van Etten, ab 6, 101 min

11.11. | Space Dogs

18.00/20.30

Den Namen Laika kennt in Russland jedes Kind. Die Straßenhündin aus Moskau, die am 3. November 1957 als erstes Lebewesen an Bord von Sputnik 2 ins All geschossen wurde, ist zu einer Heldin der Sowjetunion geworden. Ihr Schicksal war jedoch tragisch. Weil die Raumkapsel damals nicht zur Erde zurückkehren konnte, trieb sie mit der da längst gestorbenen Hündin monatelang durchs All, bevor sie und mit ihr der Leichnam von Laika beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre verglühte. Seit diesem Moment, so geht die Erzählung, bewege sich der Geist Laikas durch die Straßen Moskaus und habe von allen Straßenhunden der russischen Hauptstadt mehr oder weniger Besitz ergriffen. Exemplarisch für alle Hunde folgt „Space Dogs“ zweien dieser Tiere, die namenlos bleiben. Stets auf Augenhöhe folgt der Film den beiden Hunden auf ihrer Suche nach Futter und einem Schlafplatz. Die Vierbeiner wirken dabei so, wie man sich in Katastrophenfilmen Überlebende nach einer gewaltigen Naturkatastrophe vorstellt – wobei ihnen allerdings jegliche Verzweiflung abgeht. Sie waren schließlich von Anfang an auf sich selbst gestellt und sind zu Überlebenskünstlern geworden. Die Spezies Mensch tritt in „Space Dogs“ nur selten in Erscheinung, zum Beispiel als einfacher Passant, der Laikas Nachfahren respektiert und in manchen Momenten so wirkt, als sei er eine Tierart, der wir und die Hunde beiläufig beim Herumstreifen zuschauen. Die ausgeklügelte und sehr faszinierende Kamera (Junus Roy Imer), die gemeinsam mit den Hunden die nächtlichen Straßen Moskaus erkundet, lässt auf monatelange Vorarbeiten und einen Prozess der Gewöhnung schließen. Die Einbindung von Laikas Geschichte als Heldin der Eroberung des Weltraums formt eine Gedanken- und Bilderwelt, die hinter dem eigentlich Gezeigten einen universellen Blick auf das Verhältnis zwischen Mensch und Tier erzeugt. Alexej Serebrjakow, der Erzähler im Hintergrund, der das Grundgerüst des Films bildet, erschafft ein eigenartiges Zwischenreich, das sich an vielen Stellen anfühlt wie ein Vorgriff auf jene nahe Zukunft, in der der Mensch nicht mehr das Zentrum der Welt sein wird, sondern nur noch eine Art unter vielen anderen. The dogs are coming! And thank god they’re friendly.

Österreich/Deutschland/Russland 2019, Regie: Elsa Kremser und Levin Peter, Dokumentarfilm, ab 12, 91 min

4.11. | Der Fall Richard Jewell

18.00/20.30

„Da ist eine Bombe im Centennial Park. Ihr habt noch 30 Minuten!“. Mit diesen Worten alarmiert Wachmann Richard Jewell (Paul Walter Hauser) die Behörden, als er am Rande der Olympischen Spiele von Atlanta 1996 eine Bombe findet. Er wird als Held gefeiert, doch bald dreht sich der Wind – er hat so gar nichts Heldenhaftes an sich. Jewell ist von korpulenter Gestalt, der 33-jährige lebt noch bei seiner Mutter Bobi (Kathy Bates). Vor allem aber ist es die übertriebene Bedeutung, die er seiner Arbeit als Sicherheitsmann beimisst, die ihn für andere zur Witzfigur macht und das FBI an ihm zweifeln lässt. Die Beamten verdächtigen ihn schließlich, die Bombe selbst gelegt zu haben, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ein gefundenes Fressen für die sensationslüsternen Medien, die sein Leben in kürzester Zeit zur Hölle machen. Nur noch sein Anwalt Watson Bryant (Sam Rockwell) glaubt ihm noch. Trotzdem hört der von allen Verfolgte nicht auf, an das Gute im System zu glauben, selbst wenn dessen Vertreter in sein Haus eindringen und ihn seiner Grundrechte berauben. Nach wahren Begebenheiten erzählt Regisseur Clint Eastwood seine Geschichte in gewohnt zurückhaltender und präziser Form. Es ist die Geschichte eines Mannes, der vollkommen unbescholten in die Mühlen von Regierungsinstitutionen und Medien gerät. Dass Richard Jewell sich überhaupt aus dieser Situation befreien konnte, ist nur glücklichen Umständen und seinem Anwalt Watson Bryant zu verdanken. Dieser wackere Vertreter seiner Zunft hätte es heute im Zeitalter der Lautsprecherfunktion der „sozialen“ Medien noch ungleich schwerer…

USA 2020, Regie: Clint Eastwood, Darsteller: Paul Walter Hauser, Kathy Bates, Sam Rockwell, ab 12, 129 min

28.10. | Die Kordillere der Träume

18.00/20.30

Am Anfang sieht es auch bei „Die Kordillere der Träume“ so aus, als würde sich der Regisseur Patricio Guzman der Faszination der Berge ergeben, wenn er sich mit der zentralen Andenkette beschäftigt, die einen Großteil der Landschaft Chiles bestimmt. Dem Südamerikaner geht es jedoch um viel mehr. Als 1973 das Militär putschte und eine Diktatur errichtete, war Guzman eines der vielen Opfer, wurde verhaftet, gefoltert, floh schließlich ins Ausland. Diese Vergangenheit seines Landes bestimmt große Teile seiner Dokumentation. Guzman erzählt aber auch über das Chile von heute, er zeigt die bizarren Auswüchse eines kapitalistischen, neoliberalen Systems, das wenigen großen Reichtum einbringt, während der Hauptteil der Bevölkerung in Armut lebt. Der Dokumentarfilm, der bei den Filmfestspielen von Cannes 2019 Premiere hatte, verknüpft immer wieder das Mystische der beeindruckenden Landschaft mit den realen Geschehnissen, verbindet die Vergangenheit mit der Gegenwart. „Die Kordillere der Träume“ nimmt den Zuschauer mit nach Chile, wo das Andengebirge Symbol des Landes ist und gleichzeitig Erinnerung an die Geschichte, erschreckend und sehnsuchtsvoll gleichermaßen.

Chile 2019, Regie: Patricio Guzman, Dokumentarfilm, ab 6, 85 min