29.9. | Der Rausch

18.00/20.30

Früher war Martin (Mads Mikkelsen) mal Lehrer aus Leidenschaft – heute steht er nur noch gelangweilt vor seinen ebenso gelangweilten Pennälern. Seinen Kollegen am selben dänischen Gymnasium geht es nicht anders. Da kommt ihnen bei einer feucht-fröhlichen Geburtstagsfeier die zündende Idee: Laut einer Theorie eines norwegischen Philosophen sei der Mensch nur bei einem erhöhten Alkoholpegel zu wirklichen Höchstleistungen fähig (angenommen wird ein Idealwert von 0,5 Promille). Martin und seine Mitstreiter lassen sich freudig auf das Experiment ein – und das mit Erfolg. Die kurz vor dem Abitur stehenden Schüler sind auf einmal richtig heiß auf Martins einfallsreichen Unterricht. Auf Dauer droht der Selbstversuch jedoch aus dem Ruder zu laufen. Und kulminiert in der bangen Frage: Sind wir Alkoholiker? Der Regisseur Thomas Vinterberg enthält sich in seinem Film jeglichen moralischen Urteils, eine Verharmlosung des Trinkens ist „Der Rausch“ dennoch noch lange nicht. Dem renommierten Filmemacher („Das Fest“) geht es um deutlich mehr als um Alkohol. Im Prinzip dreht sich sein Film um Lebensfreude, um die Feier des glücklichen Moments, ums Loslassen. Und zu guter Letzt ist „Der Rausch“ auch eine Verbeugung vor der Jugend. Vinterberg verlor kurz vor den Dreharbeiten auf tragische Weise seine Tochter. Ihr hat er seinen Film gewidmet.

Dänemark 2020, Regisseur: Thomas Vinterberg, Darsteller: Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Magnus Millang, Lars Rantke, 116 min, ab 12

22.9. | The Father

18.00/20.30

Zunächst wirkt Anthony (Anthony Hopkins) wie ein rüstiger und eloquenter alter Herr. Doch zeigen sich alsbald immer neue Anzeichen von Verwirrung. Was wollte er noch mal mit den Einkäufen in seiner Küche anfangen? Auch seine Armbanduhr verschwindet ständig, das kann nur Diebstahl sein… Schließlich steht er schockiert vor einem „fremden Mann“ im Wohnzimmer, der ihm erklärt, er sei der Mann seiner Tochter Anne (Olivia Colman) und das bereits seit zehn Jahren. An Bühnen weltweit feierte der französische Autor Florian Zeller mit „The Father“ Erfolge. Jetzt hat er sein Stück über den geistigen Niedergang eines alten Mannes für die Leinwand inszeniert. Zeller erzählt aus der Perspektive Anthonys. Die Widersprüche und logischen Brüche in den Dialogen, den Bildern, die sich ändernden Figuren, das alles erscheint ihm plausibel. Die Verrückten, das sind die anderen. Und weil sich der Film diese subjektive Sicht zu eigen macht, wird Anthonys „schwieriges“ Verhalten auch für den Zuschauer nachvollziehbar. Doch auch die Auswirkungen einer Demenzerkrankung auf das Umfeld, die Nöte der Angehörigen behält Florian Zeller in seinem bewegenden Leinwand-Debüt sehr aufmerksam im Blick. Ein unbarmherzig ehrlicher Film ohne Raum für Sentimentalität mit einem Anthony Hopkins auf dem Höhepunkt seiner Schauspielkunst.

Großbritannien 2020, Regie: Florian Zeller, Darsteller: Anthony Hopkins, Olivia Colman, Rufus Sewell, ab 6, 97 min

15.9. | Niemals selten manchmal immer

18.00/20.30

Autumn (Sydney Flanigan) ist 17, aufgewachsen im Arbeitermilieu des ländlichen Pennsylvania. Wir erfahren, dass sie schwanger ist und dass sie von ihren Eltern keine Hilfe erwarten kann. Sie möchte das Kind nicht behalten und weil Minderjährige in Pennsylvania nur mit Einwilligung ihrer Erziehungsberechtigten abtreiben dürfen, reist sie nach New York, wo es diese Bedingung nicht gibt. In ihrer Cousine Skylar (Talia Ryder) findet sie die Verbündete, die sie in dieser Situation braucht und die sie begleitet. In den Aufklärungsgesprächen der New Yorker Abtreibungsklinik gewinnt dieser Film fast dokumentarische Qualität. Die Regisseurin Eliza Hittman zeigt beides: die professionelle Zugewandtheit der Mitarbeiter und die psychologische Bürde eines Schwangerschaftsabbruchs. Autumn muss viele Fragen beantworten, Fragen danach zum Beispiel, wie oft sie sexuell bedrängt und genötigt wurde. Ihre Antwortmöglichkeiten bilden den Titel des Films: nie, selten, manchmal, immer – und die Szene, in der ihr diese Fragen gestellt werden, wird aus dem feministischen Kino künftig nicht mehr wegzudenken sein. Die Regisseurin Hittman bewies bereits in ihren früheren Filmen großes Geschick darin, junge unbekannte Schauspieler-Talente zu entdecken, so auch diesmal. Die Newcomerinnen Sidney Flanigan und Talia Ryder verkörpern die beiden Hauptrollen mit großer emotionaler Präzision. Kein Wunder, dass Never Rarely Sometimes Always erfolgreich beim Sundance Film Festival gezeigt wurde und dann auch bei der letzten Berlinale den Weg in den Goldenen Bären-Wettbewerb fand.

USA 2020, Regie: Eliza Hittman, Darsteller: Sidney Flanigan, Talia Ryder, Sharon Van Etten, ab 6, 101 min

8.9. | Ich bin dein Mensch

18.00/20.30

Wir sehen eine ganz normale Bar, also eigentlich. Paare unterhalten sich, trinken, flirten. Und doch geht hier etwas ungewöhnliches vor – die Kellner sind Hologramme. Und Almas Dating-Partner mit dem britischen Akzent ist ein Roboter in Menschengestalt. Die Wissenschaftlerin am Berliner Pergamon-Museum (Maren Eggert) hat sich auf ein Experiment eingelassen. Drei Wochen soll sie mit Tom (Dan Stevens) zusammenleben, seine Fähigkeiten im Alltag auf die Probe stellen. Doch zuhause merkt Alma schnell, dass ihr die aalglatte Perfektion des künstlichen Mannes auf die Nerven geht. Sie hat nicht die Absicht, sich von der Mechanik der Maschine verführen zu lassen; dennoch beginnt sie, sich in Tom zu verlieben. Und zwar ausgerechnet, als dieser anfängt, unberechenbar zu werden, quasi ein Eigenleben zu entwickeln. Oder ist auch das nur perfekte Berechnung? Die Regisseurin Maria Schrader variiert in „Ich bin dein Mensch“ das uralte Thema des künstlichen Menschen. Eine gut gemachte, sympathische Komödie, vielleicht hin und wieder ein bisschen glatt, was bei der Rolle der männlichen Hauptfigur wohl naturgemäß nicht ganz zu vermeiden ist. Die „echte“ Maren Eggert hingegen bekam auf der letzten Berlinale für die Darstellung der Alma den Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung.

Deutschland 2021, Regie: Maria Schrader, Darsteller: Maren Eggert, Dan Stevens, Sandra Hüller, ab 12, 104 min

4. September | Lange Nacht der Kultur 2021

18:00 Filmmusik-Quiz: mit Guido Solarek am Piano
19:00 Stummfilm und Livemusik:
DIE AUSTERNPRINZESSIN
D 1919, 58 Min.
Regie: Ernst Lubitsch 
Mit Ossi Oswalda, Harry Liedtke, Curt Bois u.a.
Digitalisierung nach Originalnegativ

Der schwerreiche amerikanische Geschäftsmann Quaker hat sein Vermögen mit Meeresfrüchten verdient: er ist „Der Austernkönig“.
Seine temperamentvolle Tochter, die Austernprinzessin, will unbedingt einen europäischen Adeligen ehelichen.
Da gerät sie an den mittellosen Prinz Nuki, doch der schickt zunächst seinen Diener Josef vor. In der Annahme, einen echten Prinzen vor sich zu haben, heiratet die ungestüme Millionärstochter den Dienstboten. Entgleisungen, ein Damenboxkampf und Alkoholexzesse sind die Folge…

Am Klavier: Ezzat Nashashibi

Er komponiert oder improvisiert die Musik für Stummfilme selbst und beschränkt sich meist nicht auf die Tastatur des Klaviers. 

1.9. | Nomadland

18.00/20.30

Im 19. Jahrhundert zogen die Siedler mit Pferd und Planwagen durch den Westen der USA, auf der Suche nach einem besseren Leben, einer neuen Existenz. Die Nomaden von heute fahren mit alten Vans und rostigen Wohnwagen über die Highways, auf der Suche nach Arbeit, um genügend Geld zum Überleben zu verdienen. Auch die 60-järige Fern (Frances McDormand) gehört zu ihnen. Die Schließung des einzigen größeren Arbeitgebers hatte ihren Heimatort Empire im Bundesstaat Nevada quasi über Nacht zur Geisterstadt gemacht und Fern zur Arbeitsnomadin, die sich nun mit Gelegenheitsjobs durchs Leben schlägt. Es ist die Kehrseite des amerikanischen Traums, den die Regisseurin Chloe Zhao dem Publikum präsentiert. „Nomadland“ basiert auf dem Sachbuch „Nomaden der Arbeit“: Überleben in den USA im 21. Jahrhundert“ von Jessica Bruder. Die Autorin hatte einige dieser Umherziehenden ein Jahr lang begleitet. Die Regisseurin Zhao tat es ihr mit einer kleinen Kamera-Crew nach. Sie trafen Nomaden und drehten mit ihnen auf Campingplätzen entlang der Highways und bei ihrer Arbeit in Großküchen und auf Erntefeldern. Die Grenzen verschwimmen in diesem Dokudrama. Echte Nomaden werden zu Darstellern, während die Schauspielerin McDormand überzeugend zu einer von ihnen wird. Für diese filmische Meisterleistung wurde die Regisseurin mit Preisen geradezu überhäuft. Nach dem Goldenen Löwen in Venedig 2020 gab es in diesem Jahr drei Oscars.

USA 2020, Regie: Chloe Zhao, Darsteller: Francis McDormand, David Stratham, Linda May, ohne Altersbeschränkung, 108 min