28.9. | Meine Stunden mit Leo

18.00/20.30

Nancy Stokes (Emma Thompson) ist pensionierte Lehrerin und seit zwei Jahren verwitwet. Ihr verstorbener Mann Robert bot ihr ein Zuhause, doch guten, liebevollen Sex hatten sie nie. Das soll jetzt, mit 60 Jahren, anders werden. Nancy mietet sich den jungen und attraktiven Callboy Leo Grande (Daryl McCormack). Doch es geht längst nicht nur um Geschlechtsverkehr. Beiden wird sehr schnell klar, dass es ein langer Weg ist, von mechanischem sexuellem Vollzug zu wirklich glücklicher Erregung zu gelangen. Und so reden sie erst einmal und immer wieder über das, was sie gerne tun wollen, lassen Worte die Intimität herstellen, die es braucht, um sich körperlich und seelisch näher zu kommen. Am Ende steht Nancy nackt vor einem Spiegel und betrachtet mit dem Zuschauer ihren 60 Jahre alten Körper. Voller Würde, Erotik und Akzeptanz. Das sei „das wohl schwierigste gewesen, was ich je tun musste“, sagte Emma Thompson später in einem Interview. Fast der ganze Film spielt in nur einem Raum und wirkt wie ein adaptiertes Theaterstück. Doch wie diese beiden Charakterdarsteller diesen Raum ausfüllen, mit Worten, Mimik und Gestik, das ist großes Kino.

Großbritannien 2022, Regie: Sophie Hyde, Darsteller: Emma Thompson, Daryl McCormack, Isabella Laughland, ab 12, 97 min

21.9. | Corsage

18.00/20.30

„Fester!“ fordert die Kaiserin Elisabeth von Österreich von ihren Kammerzofen, die ihr das Korsett um den schmalen Leib schnüren, fester, immer noch fester! Es bleibt offen, ob sich die 40-jährige den Schönheitsidealen ihrer Zeit beugt, den Spuren des Alters auf ihrem Körper trotzt oder ob sie sich da einen schützenden Panzer anlegt gegen die Zumutungen, denen sie im Jahre 1877 unterworfen ist, auch und gerade als Ehefrau des Kaisers der k.u.k.-Monarchie. Dennoch, die Kaiserin ist selbstbewusst genug, um mit ihrer Eigenständigkeit Risse in das Korsett ihrer Zeit zu treiben. Wo sie kann, sprengt sie das Protokoll und die Erwartungen, die an sie gestellt werden. Vicky Krieps verkörpert diese Frau, aber ganz anders als Romy Schneider ihre Sissi in den 50er Jahren dargestellt hat. Vicky Krieps ist kantig, streng und widerständig. Dennoch kann sie den Zwängen ihrer Epoche nicht entkommen. Ihr Käfig mag vergoldet sein, ein Käfig bleibt es trotzdem. Die österreichische Regisseurin Marie Kreutzer bürstet den Sissi-Stoff gehörig gegen den Strich und zudem arbeitet sie mit bewussten Stilbrüchen. Auf den Feldern sind Traktoren zu sehen, das Kino ist bereits zwanzig Jahre vor seiner wirklichen Erfindung vorhanden und auf einer Harfe erklingt ein Song der Rolling Stones. Gewollte Irritationen als Brückenschlag zum hier und heute.

Österreich 2022, Regie: Marie Kreutzer, Darsteller: Vicky Krieps, Florian Teichtmeister, Katharina Lorenz, ab 12, 113 min

14.9. | Sundown

18.00/20.30

Acapulco, Mexiko: In einem Luxushotel am Strand verbringt Neil Bennett (Tim Roth) zusammen mit seiner Schwester Alice (Charlotte Gainsbourg) und deren Kindern entspannte Urlaubstage. Da zerstört ein Anruf aus London das Idyll. Ihre Mutter ist gestorben. Alice reist umgehend zurück nach England. Neil hingegen kehrt vom Flughafen an den Strand zurück, Angeblich hat er seinen Pass im Hotel vergessen. In Wahrheit will er nur seine Ruhe, eine Auszeit, und hält Alice mit immer neuen Ausreden hin. Ein Mann steigt aus, raus aus der Tretmühle. Oder steckt doch mehr dahinter? Welche Rolle spielt der aufdringliche Taxifahrer, der sich schon mal ungefragt zu Neil an den Tisch setzt? Und was führt die junge Berenice im Schilde, mit der Neil eine Affäre beginnt? Ein Mord am Strand, am hellichten Tag vor aller Augen, kommt hinzu. Klar ist nur eins: Das zu erwartende Erbe ist ein ganz beträchtliches. Familiendrama oder Kriminalthriller, auch das wird nicht so richtig klar im neuen Film des mexikanischen Regisseurs Michel Franco. Es ist eine Katz-und-Maus-Spiel, das Franco in „Sundown“ mit dem Zuschauer veranstaltet. Eine hundertprozentige Antwort zur Lösung der verzwickten Zusammenhänge bietet er bis zum Ende nicht an. Krimi-Fans, die vollständige Aufklärung favorisieren, wird das enttäuschen. Alle anderen kommen voll auf ihre Kosten.

Mexiko 2021, Regie: Michel Franco, Darsteller: Tim Roth, Charlotte Gainsbourg, Jazna Lavios, ab 12, 88 min

7.9. | Everything Will Change

18.00/20.30

Dokumentationen sind seit einigen Jahren im Kino sehr oft zu sehen. Mal geht es um Frauenrechte, mal um die eigene Familiengeschichte oder auch um die Klimaveränderung Der deutsche Filmemacher Marten Persiel und seine Ko-Autorin Aisha Prigann haben sich für ihr Science-Fiction-Roadmovie-Doku-Drama ein ausgeklügeltes Erzählkonzept ausgedacht, um auf das bedrohliche Artensterben aufmerksam zu machen. Sie siedeln ihre Geschichte im Jahr 2054 an. Die drei Freunde Ben (Noah Saavedra), Cherry Jessamine-Bliss Bell) und Fini (Paul G. Raymond) leben in einer sterilen, durchdigitalisierten Welt, Pflanzen und Tiere sind größtenteils ausgestorben. Eines Tages erfahren sie, dass die Welt einst sehr viel bunter, vielfältiger und vor allem lebendiger war. Den Ausschlag dafür gibt das Bild einer Giraffe, das die drei in Erstaunen versetzt. Also machen sich die jungen Leute auf eine Reise in die Vergangenheit. Die wird umrahmt von einer märchenhaften Geschichte, von einer alten Märchentante erzählt und anhand eines altmodischen Buches in Kapitel aufgeteilt. Es tauchen Nachrichtenschlagzeilen auf, außerdem gibt es Interviews mit realen Wissenschaftlern, darunter der Meteorologe Prof. Mojib Latif. Inszenatorisch ist die Collage aus Fiktion und Fakten sowie dem Kontrast einer künstlichen, lebensfeindlichen Zukunft und einer noch bunten Gegenwart nicht nur gewagt, sondern auch spannend. Leider geht mit den Filmemachern manchmal der missionarische Eifer ein bisschen durch, auch fehlt es zuweilen an der rechten Glaubwürdigkeit der fiktionalen Handlung. Dass die drei Protagonisten einen alten Benz aus den 1990er Jahren fahren, gleichzeitig aber noch nie eine Giraffe gesehen haben, kann nicht so richtig überzeugen. Dennoch: Wir sehen beeindruckende Bilder, hören einen atmosphärisch dichten Sound und vor allem gibt es die hoffnungsfrohe Botschaft, dass es noch nicht zu spät ist.

Deutschland/Niederlande 2021, Regie: Marten Persiel, Darsteller: Noah Saavedra, Jessamine-Bliss Bell, Paul G. Raymond, ab 12, 93 min