27.7. | Heinrich Vogeler – Aus dem Leben eines Träumers

18.00/20.30

Er war ein Star der Worpsweder Künstlerkolonie, der Traumprinz des Jugendstils. Heinrich Vogeler schafft sich in dem kleinen Dorf im Teufelsmoor in den 1890er Jahren ein Utopia der Künste. Und der Film feiert diesen frühen Höhepunkt von Vogelers Karriere. Die Regisseurin Marie Noelle hat an den Originalschauplätzen gedreht und lässt Florian Lukas als Vogeler sowie Anna-Maria Mühe als seine Frau Martha romantisch durch den Regen in den Wiesen laufen. Von den Spielszenen schneidet sie immer wieder zu Vogelers Gemälden, Zeichnungen und Grafiken. Noelle spielt gerne mit den Konventionen der historischen Künstlerbiographie. So lässt sie ihre Darsteller in historischen Kostümen an geparkten Motorrädern vorbei durch das Paris von heute laufen. Ansonsten ist der Film gespickt mit Archivmaterial und Ausschnitten aus Interviews mit Zeitzeugen und Spezialisten. Der Erste Weltkrieg verändert Vogelers Leben und Lebensgefühl völlig. Nach traumatischen Fronterfahrungen wird er immer mehr zum linken, schließlich kommunistischen Künstler. 1931 emigriert er in die Sowjetunion. Er sah dort eine letzte Utopie; in der Wirklichkeit erwarteten ihn stalinistische Verfolgung. Nach dem Überfall Deutschlands auf Russland im Juni 1941 wird Vogeler nach Kasachstan deportiert, wo er 1942 völlig entkräftet und halb verhungert stirbt. Marie Noelle nimmt sich in ihrem Film viel, möglicherweise zu viel vor. Persönliches Drama, politische Kunst, zwei Weltkriege, die enttäuschten Hoffnungen des Sozialismus, dazu die Idylle von Worpswede, da wäre eine etwas stärkere Fokussierung sinnvoll gewesen. Dennoch ist ihr ein kluger und künstlerisch inspirierter Film gelungen, der vor allem dem Menschen Heinrich Vogeler gerecht wird – und auch seiner Kunst.

Deutschland 2022, Regie: Marie Noelle, Darsteller: Florian Lukas, Anna-Maria Mühe, Samuel Finzi, ab 12, 90 min

20.7. | Der schlimmste Mensch der Welt

18.00/20.30

Julie (Renate Reinsve) weiß nicht so recht, was sie mit ihrem Leben anstellen soll. Weil sie so gute Noten hat, studiert sie Medizin, entdeckt dann ihr Interesse für Psychologie, nur um schließlich bei der Fotografie zu landen – so irgendwie jedenfalls. Seriöser Familienplanung geht sie lieber aus dem Weg. Zuviel scheint für sie noch möglich. Die junge Frau aus Oslo ist ständig in Bewegung und immer auf der Suche nach der eigenen Identität. Der Film zerfällt folglich in zwölf Kapitel, die jeweils eine eigene Atmosphäre entfalten. Julie wird sich in den zehn Jahre älteren Comicautor Aksel (Anders Danielsen Lie) verlieben und mit ihm zusammenleben. Dann lernt sie auf einer Party den bodenständigen Eivind (Herbert Nordrum) kennen, der ihr einfach nicht aus dem Kopf gehen will. Jeder Partner hinterlässt Spuren, lässt andere Facetten in Julie aufscheinen, wie auch Julie aus den Männern immer auch andere werden lässt. Der norwegische Regisseur Joachim Trier entführt die Zuschauer mit eleganter Leichtfüßigkeit in die Befindlichkeiten der Internetgeneration. Ein Liebesfilm der Gegenwart ganz ohne Kitsch und abgedroschene Klischees. Und ein Film über den hoffnungslos schlimmsten Menschen der Welt. Oder vielleicht doch nicht ?

Norwegen 2021, Regie: Joachim Trier, Darsteller: Renate Reinsve, Anders Danielsen Lie, Herbert Nordrum, ab 12, 121 min

13.7. | Nico

18.00/20.30

Die Deutsch-Perserin Nico (Sara Fazilat) ist eine fröhliche, selbstbewusste Altenpflegerin in Berlin, die ihren Job mit Hingabe und Herzlichkeit ausübt. Nach Feierabend glüht sie gerne mit der besten Freundin am Kiosk vor und tanzt auf einer spontanen Party im Park in den lauen Sommerabend hinein. Das unbeschwerte Leben geht jäh zuende, als Nico auf dem Rückweg aus dem Park zusammengeschlagen wird. Der rassistisch motivierte Überfall wird hier ebenso realistisch wie unerträglich inszeniert. Eine Gruppe junger Männer, angeführt von einer aggressiven Frau, schikaniert Nico erst mit Worten, dann folgen brutale Tritte. Schwer verletzt wacht Nico im Krankenhaus auf – zurückbleibt eine in sich gekehrte und wütende Frau, die nie wieder Opfer sein will. Die einst so Lebenslustige ist nach dem Angriff nicht wiederzuerkennen. Ihr Blick, die hochgezogenen Schultern, die in ihr lodernde Wut und Angst zeigen, wie sich Traumata in den Körper einer Betroffenen einbrennen. Dank eines harten Trainingsprogramms mit Karateweltmeister Andy (Andreas Marquardt) gelingt es Nico, ihre Wut zu kanalisieren und ihre eigene Stärke zu spüren. Doch die seelischen Folgen der Tat lassen sich nicht einfach körperlich wegtrainieren. „Nico“ ist der erste Langspielfilm der Regisseurin Eline Gehring. Ihr Debüt erzählt eine aufwühlende Geschichte von Freundschaft, Selbstermächtigung und Traumabewältigung jenseits von Hollywoodklischees, aber doch mit einem Funken Hoffnung.

Deutschland 2021, Regie: Eline Gehring, Darsteller: Sara Fazilat, Andreas Marquardt, Sara Klimoska, ab 12, 79 min

6.7. | Das Licht, aus dem die Träume sind

18.00/20.30

Der große Saal, die berauschenden Farben, das Rattern des Filmprojektors – die erste Kinoerfahrung ist eine ganz besondere. So geht es auch dem achtjährigen Samay (Bhavin Rabari) aus einem kleinen Dorf in Indien. Im Kino „Galaxy“ im nächsten größeren Ort verliebt sich Samay in die siebte Kunst, Hals über Kopf und ganz und gar. Vater Bapuji sieht das mit Missfallen. Der Rohrstock ist nicht weit, wenn Samay mal wieder die Schule schwänzt, um sich ins Lichtspielhaus zu schleichen. Ein glücklicher Zufall lässt den Jungen auf den Filmvorführer Fazal (Bharesh Shrimali) treffen. Der ist von den Kochkünsten von Samays Mutter so begeistert, dass er den Achtjährigen gegen den Inhalt seiner Lunchbox kostenlos Filme schauen lässt. Tag für Tag taucht Samay jetzt in fantastische Welten ein. Doch auch in der indischen Provinz hält die Digitalisierung Einzug. Die altgedienten Projektoren werden abtransportiert und in einem Recyclinghof gehen die Vorschlaghämmer gnadenlos auf sie nieder. In „Das Licht, aus dem die Träume sind“ erzählt der Regisseur Pan Nalin von den eigenen Kinoerfahrungen in analogen Zeiten. Episodisch und farbenprächtig geht es über Stock und Stein, allzeit bereit, sich von neuen Einfällen auf Nebenpfade lenken zu lassen. Vor allem aber geht es um die Freude am Geschichtenerzählen mittels Bildern, die durch das Licht zum Leben erweckt werden, in einer Zeit, als noch riesige 35mm-Filmrollen durch die ratternden Projektoren liefen und ihre Bilder auf die Leinwand warfen.

Indien 2021, Regie: Pan Nalin, Darsteller: Bhavin Rabari, Bhavesh Shrimali, Richa Meena, Dipen Raval, ab 12, 110 min

29.6. | Wo in Paris die Sonne aufgeht

18.00/20.30

Die Liebe in diesem Film lässt einen buchstäblich aus den Latschen kippen. Als Nora ihrer Internetbekanntschaft Amber Sweet das erste Mal von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht, geht sie ohnmächtig zu Boden. Monatelange Videotelefonate konnten sie nicht auf diesen Moment vorbereiten. Emilie wiederum sucht, um die Miete bezahlen zu können, eine Mitbewohnerin. Der charmante Literaturstudent Camille bekommt nur eine Chance, weil sie hinter seinem Vornamen eine Frau vermutete. Camille bekommt das Zimmer, wird Emilies Liebhaber und zieht direkt wieder aus, weil er keine feste Beziehung möchte. Er übernimmt das Immobilienbüro eines Freundes, hat von diesem Geschäft allerdings keinen blassen Schimmer. Deshalb stellt er Nora ein, die sich in der Branche hervorragend auskennt. Camille will mehr, Nora zunächst nicht. Sein Liebesleid klagt er seiner Ex-Geliebten Emilie, die inzwischen zu einer guten Freundin geworden ist. Klingt alles sehr kompliziert, kommt aber bei dem Regisseur Jacques Audiard federleicht daher. Er bewegt sich geschmeidig zwischen den Figuren und Handlungssträngen hin und her. Auf nonchalante Weise erzählt er von Liebe und Sex, entspannt, unkompliziert und doch innig und intim. Der Filmemacher zeigt ein Paris abseits der Touristenströme, eine Metropole voller Diversität und Gegensätze. Was die Menschen ungeachtet ihrer Unterschiedlichkeit am Ende verbindet, ist der Wunsch zu lieben und geliebt zu werden. Und das hat man selten so schön und gleichzeitig so selbstverständlich gesehen.

Frankreich 2021, Regie: Jacques Audiard, Darsteller: Noemie Merlant, Lucie Zhang, Makita Sambaa, Lily Rubens, ohne Altersangabe, 105 min