23.2. | Drive My Car

17.00/19.30

Der Theaterregisseur Yusuke und seine Frau, die Drehbuchautorin Oto, leben in Tokio in einem modernen Hochhaus aus Glas und Stahl. Eines Tages kehrt Yusuke überraschend in die gemeinsame Wohnung zurück, nachdem sein Flug ausgefallen ist. Er wird seiner Frau nicht sagen, dass er sie beim Sex mit einem anderen gesehen hat. Weshalb hat sie ihn betrogen? Was suchte sie bei dem anderen, was er ihr nicht geben konnte? Tage später findet Yusuke seine Frau reglos in der Wohnung. Tod durch Gehirnblutung. Zwei Jahre später fährt Yusuke nach Hiroshima, wo er Anton Tschechows Theaterstück „Onkel Wanja“ inszenieren soll. Für die Fahrten zwischen Unterkunft und Probenraum schreibt ihm die Versicherung des Theaters eine Chauffeurin vor. Es ist Misaki, eine junge coole Frau mit Baseballmütze. Auch Misaki hat einen Verlust hinter sich. Das Auto ist eine Art Schutzraum, in dem die beiden zunächst schweigen. „Drive my Car“ des japanischen Regisseurs Ryusuke Hamaguchi ist ein Film über das Schweigen und die Sprache. Über die Sehnsucht nach Verständigung jenseits der Worte. Kann man sich näher kommen jenseits der Sprache? Oder auch im Schweigen? In der Stille? Der Theaterregisseur und seine Chauffeurin finden allmählich Worte. Sie suchen nach einem Ausdruck für das, was ihnen widerfahren ist. „Drive my Car“ registriert mit aufmerksamer Kamera, wie sich Yusuke und Misaki auf berührende Weise öffnen. Und was kann es Schöneres geben, als zwei Menschen, die ihre Erstarrung überwinden, aus einer seelischen Eiszeit erwachen?

Japan 2021, Regie: Ryusuke Hamaguchi, Darsteller: Hidetoshi Nishijima, Toko Miura, ab 12, 179 min, japanisches Original mit deutschen Untertiteln

16.2. | Monte Verita

18.00/20.30

Den Fesseln der bürgerlichen Gesellschaft entfliehen, das wollte die sprichwörtlich gewordene Generation der 68-er. Doch schon vor dem Ersten Weltkrieg gab es eine inhaltlich ganz ähnliche Bewegung. Im Jahre 1906 fand sich eine Gruppe aus Lehrern, Ärzten und Künstlern zusammen, die sich aus dem geistigen Korsett der herrschenden Gesellschaft befreien wollte. Auf dem Monte Verita, unweit von Ascona in der südlichen Schweiz, fand sie ihre Zuflucht. Auch bekannte Zeitgenossen wie der Schriftsteller Hermann Hesse und die Sängerin Isadora Duncan schlossen sich der neuen Lebensreformgemeinschaft an. Etliche Dokumente zeugen von den damaligen Ereignissen, darunter auch Fotografien. Diese macht sich der Regisseur Stefan Jäger nun zunutze. Ausgehend von diesen realen Bilddokumenten lässt er die fiktive Fotografin Hanna Leitner (Maresi Riegner) die Geschichte dieses ersten großen Experiments individueller Freiheit erzählen. Immer wieder friert das Bild zu einer schwarzweißen Postkartenaufnahme ein, immer wieder wird der Hintergrund der Gemeinschaft erläutert. Die fiktive Rahmenhandlung paart sich so mit großer historischer Genauigkeit. Halbfiktionale Filme dieser Art zu drehen ist nicht ganz einfach – Stefan Jäger hat diese Herausforderung gekonnt gemeistert.

Schweiz 2021, Regie: Stefan Jäger, Darsteller: Maresi Riegner, Julia Jentsch, Michael Finger, ab 12, 116 min

9.2. | Ein Festtag

18.00/20.30

Es ist der 30. März 1924 in der englischen Grafschaft Berkshire und es ist Mothering Sunday. An diesem Vorläufer des Muttertages bekamen die Bediensteten der britischen Adelshäuser einen Tag frei, um ihre Eltern besuchen zu können. So auch Jane Fairchild (Odessa Young), die als Dienstmädchen für die Familie Niven arbeitet. Jane nutzt diesen Tag allerdings anders als vorgesehen. Sie trifft sich zum Schäferstündchen heimlich mit Paul Sheringham (Josh O’Connor). Heimlich vor allem deswegen, weil Paul der Spross einer angesehenen Juristenfamilie ist und die Liaison mit dem Dienstmädchen Jane sämtliche gesellschaftlichen Klassenschranken durchbricht. Das Liebesverhältnis nimmt zwar ein unerwartetes, schreckliches Ende, jedoch gelingt es Jane in der Folgezeit richtig Karriere zu machen. Sie wird Buchhändlerin, beginnt selbst zu schreiben und kann schließlich als 90-jährige auf ein Leben als erfolgreiche Schriftstellerin zurückblicken. Der Film der französischen Regisseurin Eva Husson basiert auf dem gleichnamigen Roman von Graham Swift und feierte bei den letztjährigen Filmfestspielen in Cannes seine Premiere. Getragen wird der Mothering Sunday von seiner beeindruckenden Hauptdarstellerin Odessa Young. Eigensinnig, poetisch und von melancholischem Kämpfergeist ist die von ihr verkörperte Jane, die vom Dienstmädchen zur gefeierten Schriftstellerin aufsteigt.

Großbritannien 2021, Regie: Eva Husson, Darsteller: Odessa Young, Josh O’Connor, Colin Firth, Olivia Colman, ab 12, 110 min

2.2. | Die Königin des Nordens

18.00/20.30

Wir schreiben das Jahr 1402: Die dänische Königin Margarethe I. (Trine Dyrholm) hat erreicht, was noch kein Mensch zuvor geschafft hat. Sie hat Dänemark, Norwegen und Schweden zur sogenannten Kalmarer Union vereinigt, die sie durch ihren jungen Adoptivsohn Erik (Morten Hee Andersen) im Alleingang regiert. Ein Bündnis mit England soll den Status der Union als aufstrebende europäische Macht festigen. Doch da taucht plötzlich der längst totgeglaubte Sohn der Herrscherin (Jacob Oftebro) auf und erhebt Anspruch auf den Thron. Klischeefrei, unaufdringlich und absolut unpathetisch erzählt die Regisseurin Charlotte Sieling diese Geschichte und konzentriert sich dabei voll und ganz auf ihre Hauptdarstellerin. Ob kämpfende Mutter, kluge Diplomatin oder kühle Strategin – Trine Dyrholm verleiht der „Königin des Nordens“ eine enorme emotionale Wucht und Tiefe. Brutale Kämpfe sucht man vergebens. Stattdessen geht es um Diplomatie, verschiedene Interessen und Allianzen, schlaue Winkelzüge. Und der Film bleibt auch visuell nah dran an der Wirklichkeit. In fast jeder Einstellung ist es kalt und dunkel, neblig und stürmisch. Diese Authentizität überzeugte auch das Publikum. Das Historiendrama zog in Dänemark mehr als 350.000 Besucher in die Kinos.

Dänemark 2021, Regie: Charlotte Sieling, Darsteller: Trine Dyrholm, Morten Hee Andersen, Sören Malling, ab 12, 120 min

26.1. | Last Night in Soho

18.00/20.30

Eloise (Thomassin McKenzie), genannt Ellie, siedelt aus der britischen Provinz nach London über, um eine Ausbildung zur Modedesignerin zu beginnen. Sie bezieht ein Dachzimmer bei der alten Miss Collins und scheint sich schnell heimisch zu fühlen. Mit Plattenspieler und den entsprechenden Tonträgern ausgerüstet begibt sie sich in ihre Traumwelt, die Sixties, als London „das Zentrum der Welt“ war, wie sie einmal sagt. Dann aber werden ihre Träume erschreckend real. Ellie verwandelt sich nächtens in Sandie (Anya Taylor-Joy), eine junge Frau, die Mitte der sechziger Jahre ihren Weg als Sängerin und Tänzerin sucht. Sandies Manager Jack (Matt Smith) jedoch hat eine dunkle Seite. Der Tänzerinnenjob, den er ihr vermittelt, ist eher der eines Animiermädchens. Statt eine Karriere als Sängerin einzuschlagen, gleitet sie ab in die Laufbahn einer Prostituierten. Ellies Traum verwandelt sich in einen Alptraum, ihre nächtlichen Fantasien werden immer bedrohlicher und gewalttätiger, bis hin zum Mord. Ist das alles überhaupt noch ein Traum oder verfügt Ellie über das zweite Gesicht? Durchlebt sie als Sandie vielleicht die Erfahrungen einer Person, die es wirklich gegeben hat, damals in den Sixties in Soho? Dass sie an ihrem Verstand zu zweifeln beginnt, ist da mehr als verständlich. Regisseur Edgar Wright greift hier das berühmte Dr. Jekyll und Mr. Hyde-Motiv von Robert Louis Stevenson auf. Er verneigt sich mit seinem Horrorfilm um eine zeitreisende Modestudentin gleichermaßen vor dem großen schottischen Autor und dem London der Swinging Sixties. Übrigens wirken mit Rita Tushingham, Terence Stamp und Diana Rigg drei Ikonen dieser Epoche mit, aber, man ahnt es bereits, auch mit ihnen stimmt etwas nicht…

Großbritannien 2020, Regie: Edgar Wright, Darsteller: Anya Taylor-Joy, Thomassin McKenzie, Matt Smith, ab 16, 116 min