
18.00/20.30
Im Botanischen Garten der Universität Marburg steht ein uralter Gingko-Baum, mächtig und majestätisch. Er ist stummer, jedoch aufmerksamer Zeuge unzähliger Lebensgeschichten, die über die Generationen an ihm vorüberziehen. Die Regisseurin Ildiko Enyedi hat drei davon ausgewählt, aus unterschiedlichen Epochen. Im Jahr 1908 wird Grete (Luna Wedler) als erste Frau zum Biologiestudium zugelassen und entdeckt dabei verborgene, bislang unbekannte Pflanzenstrukturen. 1972 verliebt sich der anfangs noch etwas ziellose Studienanfänger Hannes (Enzo Brumm) in seine Mitbewohnerin und setzt in den Semesterferien aufopferungsvoll deren Experimente mit einer empfindsamen Geranie fort. 2020 schließlich wird der Hongkonger Neurowissenschaftler Tony (Tony Leung Chiu-wai) während seiner Gastprofessur in Marburg von der Corona-Pandemie ausgebremst. Im Lockdown setzt er daraufhin seine Forschungen an eben jenem Gingko-Baum fort. Die Regisseurin Enyedi wechselt flink und assoziativ zwischen den drei Erzählebenen hin und her, Als Unterscheidungsmerkmal dienen ihr drei verschiedene Aufnahmeverfahren, monochromer 35-mm-Film zu Beginn des 20.Jahrhunderts, 16-mm-Farbfilm in den 70-ern und HD in der Gegenwart. Ein heiterer und leiser Film über das Innenleben von Mensch und Botanik, der der Pflanzenwelt das gleiche Bildrecht wie den menschlichen Schauspielern einräumt. „Silent Friend“ dürfte der erste Film sein, in dessen Abspann Pflanzen als gleichrangige Hauptdarsteller genannt werden.
Deutschland/Ungarn 2025, Regie: Ildiko Enyedi, Darsteller: Luna Wedler, Enzo Brumm, Tony Leung Chiu-wai, ab 6, 145 min
