Filmprogramm

22.10. | Karla

18.00/20.30

Bayern 1962. Vater, Mutter, drei Kinder sitzen in ihrem Auto, ein netter Familienausflug in einer heilen Welt, so scheint es. Doch beim Toilettenstopp im Grünen läuft die 12-jährige Karla (Elise Krieps) davon. Sie rennt über Wiesen und Felder, schlägt sich durch zum nächsten Polizeirevier.und erstattet Anzeige – gegen ihren Vater. Es ist nicht ihr erster Versuch. Sie hat nachgelesen in der Bibliothek. Über Gesetze und Paragraphen für „unzüchtige Handlungen“ oder über „das Recht auf Leben“. Ob das auch ein Recht auf ein gutes Leben sei und ob das auch für Kinder gelte, fragt sie Richter Lamy (Rainer Bock), der spät in der Nacht hinzugezogen wird. Doch den Tathergang kann und will sie nicht schildern. Zunächst wird Karla im Mädchenheim eines Klosters untergebracht. Dass sie sich bei den strengen Nonnen wohler fühlt als zuhause bei ihrer Familie, ist für den Richter ein Grund mehr, ihr zu glauben. Ein brummiger Typ, dieser Richter Lamy; immerhin kann er zuhören und er nimmt Karla ernst. Und dann die scheinbar aussichtslose Gerichtsverhandlung, in der die Aussage des Mädchens gegen die der Mutter (Katharina Schüttler) als Zeugin und die des Vaters (Torben Liebrecht), dem Angeklagten, steht. Feinfühlig und berührend erzählt die Regisseurin Christina Tournatzes diese wahre Geschichte von 1962, in kurzen und intensiven Dialogen und mit poetischen Ausflügen in Karlas Phantasiewelt, in die sie sich immer wieder flüchtet. Eine stille Kraft erfüllt die traumatisierte 12-jährige zwischen hilflosem Schweigen und ihrem unbändigen Willen nach Gerechtigkeit und einem Leben ohne Übergriffe. Ein leiser Film, der unter die Haut geht und gleichzeitig eine ungeheure Spannung aufbaut.

Deutschland 2025, Regie: Christina Tournatzes, Darsteller: Elise Krieps, Rainer Bock, Katharina Schüttler, Torben Liebrecht, ohne Altersangabe, 104 min

29.10. | Miroirs No. 3

18.00/20.30

Ein Aufbruch ins Wochenende sollte es werden für Laura (Paula Beer) und ihren Freund, doch die Fahrt im roten Cabrio endet mit einem Crash auf der Landstraße. Der Freund stirbt bei dem Unfall, Laura jedoch bleibt fast unverletzt. Die ältere Betty (Barbara Auer), Zeugin des Unfalls, nimmt Laura wie eine Tochter in ihrem Haus auf, in dem sie mit ihrem Mann Richard (Matthias Brandt) und ihrem Sohn Max (Enno Trebs) lebt. Aber die ländliche Idylle ist trügerisch, von Anfang an. Die Familie ringt selbst mit ihrem Schicksal und das besteht vor allem aus dem frühen Tod ihrer eigenen Tochter. Und es stellt sich die Frage; ist Laura überhaupt noch am Leben oder wie Nina Hoss in „Yella“ (2007) bereits tot? Eine Tote, die in einer um eine andere Tote trauernde Familie eine Art Auferstehung erlebt? Der neue Film des Regisseurs Christian Petzold ist eine helle, märchenhafte Sommergeschichte, die, möglicherweise, auch zum Horrorfilm werden kann.

Deutschland 2025, Regie: Christian Petzold, Darsteller: Paula Beer, Barbara Auer, Matthias Brandt, Enno Trebs, ab 12, 86 min

3.9. | Oslo Stories: Sehnsucht

18.00/20.30

Zwei Schornsteinfeger unterhalten sich während ihrer Arbeitspausen; sie sind nicht nur Kollegen, sondern auch gute Freunde. Einer der beiden gesteht, er habe gestern mit einem Kunden spontanen Sex gehabt und er habe es genossen. Ob er schwul sei, fragt der andere. „Ich bin nach meinem ersten Bier doch auch kein Alkoholiker“ und außerdem sei Sex für ihn kein Fremdgehen, antwortet der erste. Das versucht er auch seiner Frau klarzumachen. Die hadert trotzdem damit, dass sie ihrem sie über alles liebenden Mann alle Freiheiten gewähren will und es ihr zugleich so schwer fällt, seinen Seitensprung zu akzeptieren. Die beiden Schornsteinfeger offenbaren sich in ihren Gesprächen ihre Beziehungen, Bedürfnisse und Träume und kommen über ihre Geschlechterbilder ins Grübeln. Was bedeutet es, sexuell frei zu sein, während man gleichzeitig in einer klassischen Beziehung mit Ehefrau und Kindern lebt? Wie kann der Versuch gelingen, sich zu entfalten, ohne dass daraus ein Ego-Trip wird? „Sehnsucht“ ist der erste Teil der nur lose zusammenhängenden Oslo-Trilogie des Regisseurs Dag Johan Haugerud (im Original heißt der Film viel passender und vieldeutiger einfach nur „Sex“). Haugerud bricht ohne großes Drama mit Geschlechterstereotypen. So ehrlich und gefühlvoll haben Männer im Kino selten ihre Gedanken ausgetauscht.

Norwegen 2024, Regie: Dag Johan Haugerud, Darsteller: Thorbjörn Harr, Jan Gunnar Röise, Siri Forberg, Birgitte Larsen, ab 12, 118 min

10.9. | Memoiren einer Schnecke

18.00/20.30

Die 20.30-Uhr-Vorstellung wird in der englischsprachigen Originalfassung mit deutschen Untertiteln gezeigt.

Nudistencamps, Schimpfworte, religiöser Fanatismus, Alkoholismus, Kleptomanie – der neue Animationsfilm „Memoiren einer Schnecke“ des australischen Regisseurs Adam Elliot ist wirklich nichts für Kinder (oder allzu zart besaitete Erwachsene). Was jedoch aufgeschrieben nach purer Provokation klingt, entfaltet sich auf der Leinwand zu der berührenden, von vielen Schicksalsschlägen geprägten Geschichte der Zwillinge Grace und Gilbert. Nach dem Tod der Mutter im Kindbett gibt der Vater der beiden sein bestes, seinen Kindern ein sorgloses Leben zu ermöglichen. Als auch er stirbt, werden die beiden Geschwister getrennt. Gilbert landet bei einer fundamental christlichen Farmersfamilie, in der er hart arbeiten und ständig beten muss. Grace hat mehr Glück, sie wird in Canberra bei einem herzensguten Ehepaar untergebracht; dennoch fühlt sie sich ohne ihren Bruder sehr einsam. Sie zieht sich zunehmend zurück, wie die Schnecken, die sie mit Hingabe sammelt – ihrer Lieblingsschnecke Sylvia erzählt sie alles, was sie bewegt. Die Lebensgeschichten von Grace und Gilbert handeln vom Scheitern, vom Hinfallen und mühsamen Aufstehen. Sie erheben sich nicht wie ein Phönix, sondern krabbeln immer wieder aus der Asche ihrer Existenz hervor. Mobbing in der Jugend, toxische Beziehungen, Armut und Tod – der Regisseur Elliot spitzt all diese Themen ein bisschen zu, aber im Grunde kann sich jeder mit den Problemen, die Grace und Gilbert über die Jahre beuteln, identifizieren. Und es ist beruhigend zu sehen, wie schön das Leben trotz aller Härte (auch) sein kann. „Memoiren einer Schnecke“ ist ein Animationsfilm, aber die Zeichnungen werden hier durch Knetfiguren aus Lehm ersetzt. Wie bei allen Stop-Motion-Werken handelt es sich dabei um eine Sisyphus-Arbeit (wenn auch mit glücklichem Ende) : Für eine Sekunde fertigen Film sind zwölf Veränderungen an den Modellen nötig…

Australien 2024, Regie: Adam Elliot, Animationsfilm, ab 12, 95 min

17.9. | Leonora im Morgenlicht

18.00/20.30

In Europa ist die surrealistische Malerin Leonora Carrington (1917-2011) erst in den letzten Jahren bekannt geworden; heute zählt sie zu den Bestsellerinnen des internationalen Kunstmarktes. Die erste Hälfte ihrer bewegten Lebensgeschichte hat das Regie-Duo Thor Klein und Lena Vurma jetzt für die Kinoleinwand adaptiert. Basierend auf dem Roman der mexikanischen Schriftstellerin Elena Poniatowska erzählt der Film episodenhaft und in nicht-chronologischen Rückblenden aus dem Leben der Malerin (dargestellt von Olivia Vinall). In den 1930-er Jahren lebt sie als Geliebte des deutlich älteren Max Ernst (Alexander Scheer) in Paris, dann in Südfrankreich. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 wird Ernst als feindlicher Ausländer interniert; Carrington erleidet einen Zusammenbruch und findet sich in einer Nervenheilanstalt wieder. Schließlich gelangt sie über Lissabon nach Mexiko, wo sie später mit dem ungarischen Fotografen Emerico Weisz eine Familie gründet. Ihren inneren Dämonen kann sie jedoch nie wirklich entkommen. An Originalschauplätzen in Südfrankreich und Mexiko gedreht, finden die Regisseure Klein und Vurma dafür atmosphärisch beeindruckende Bilder. Etwas zu kurz kommt dabei das künstlerische Schaffen der Malerin. Ob das eine bewusste Entscheidung des Regie-Duos ist oder schlicht eine Frage der fehlenden Bildrechte, muss an dieser Stelle offen bleiben.

Deutschland/Mexiko/Großbritannien 2025, Regie: Thor Klein und Lena Vurma, Darsteller: Olivia Vinall, Alexander Scheer, ab 12, 103 min

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