19.6. | Das Cabinet des Dr. Caligari

*** 18.00 ***

Im Rahmen des Kultursommers Bremerhaven

In einer Rückblende erzählt ein Insasse eines Irrenhauses die Geschichte des dämonischen Dr. Caligari (Werner Krauss), der durch seine Hypnosekünste Menschen in Trance versetzen und nach seinem Willen lenken kann. Sein Medium Cesare (Conrad Veidt) wird in seinen Händen zur willenlose Marionette, die sogar Morde begeht. „Caligari“ ist der wohl berühmteste deutsche Stummfilm; er gilt als Meisterstück des expressionistischen Films. Windschiefe Häuser und Gassen in verzerrten Perspektiven und verschachtelten Ebenen prägen das Bild und heben gleichsam die normalen Raumvorstellungen auf.

Deutschland 1920, Regie: Robert Wiene, Darsteller: Werner Krauss, Conrad Veidt, Lil Dagover, 60 min

Der Film wird live begleitet von Guido Solarek am Klavier

12.6. | Ein Glücksfall

18.00/20.30

„Coup de chance“, so der Originaltitel, spielt in Paris, dessen romantischen Charme der Kameramann Vittorio Storaro mit Beiläufigkeit einfängt. Die Besetzung besteht ausschließlich aus französischen Schauspielern, gedreht wurde folgerichtig in französischer Sprache. Im Zentrum der Geschichte steht Fanny (Lou de Laage), die für ein Pariser Auktionshaus arbeitet und mit dem etwas undurchsichtigen Geschäftsmann Jean (Melvil Poupaud) verheiratet ist – ein power couple wie aus dem Bilderbuch. Doch gleich in der ersten Szene läuft Fanny einem alten Studienfreund über den Weg, Alain (Niels Schneider), einem mäßig erfolgreichen Schriftsteller mit charmantem Schlabber-Sakko. Es kommt, wie es kommen muss. Die beiden beginnen eine leidenschaftliche Affäre. Natürlich riecht der smarte Jean sehr schnell den Braten und schmiedet einen Plan, um seine Ehe zu retten. Die weitere Geschichte ist durchaus vorhersehbar, doch es geht weniger um das, was passiert, als vielmehr um das Wie und das Warum. Da ist das großbürgerliche, sich mit Kunst und Kultiviertheit schmückende Milieu, da sind die Szenen einer Ehe und eine Untreue. Und da ist ein vermeintlich perfektes Verbrechen, dessen Mechanismen sich auf unvorhersehbare Weise verselbständigen. Ganz unangestrengt läuft Regisseur Woody Allen hier zu großer Form auf. Geschrieben und inszeniert mit der souveränen Nonchalance eines Mannes, der nichts mehr beweisen will und nichts mehr beweisen muss. In Venedig sagte der Altmeister anlässlich der Premiere seines Films, dass dies möglicherweise seine letzte Regiearbeit sei. Es wäre ein runder Abschluss seiner Karriere. Dass dieser „Glücksfall“ sein letzter Film sein soll, möchte man trotzdem nicht hoffen.

USA/Frankreich 2023, Regie: Woody Allen, Darsteller: Lou de Laage, Melvil Poupaud, Niels Schneider, ab 12, 93 min

5.6. | One Life

18.00/20.30

„Wer auch nur ein Leben rettet, rettet die ganze Welt.“. Doch dieser aus dem Talmud überlieferte Satz hält für den 1909 in London geborenen Nicholas Winton keinen Trost bereit. Dabei hat Winton in der Zeit zwischen der deutschen Besetzung des Sudetenlandes im Oktober 1938 und dem Einmarsch der deutschen Truppen in Prag fünf Monate später 669 jüdischen Kindern das Leben gerettet. Der junge Börsenmakler legte Spendensammlungen auf und organisierte Visa für die tschechoslowakischen Kinder. Unterstützt von einem emotionalen Leserbrief in der „Times“ stellt er ihre Unterbringung in britischen Pflegefamilien und Heimen sicher. Anthony Hopkins verkörpert in „One Life“ den alten Winton in den 1980er Jahren. Trotz seines segensreichen, lebensrettenden Einsatzes fünfzig Jahre zuvor beharrt der alte Mann darauf, versagt zu haben. „Not enough“, stellt er fest. Es hätten mehr Kinder gerettet werden müssen. „It’s never enough, isn’t it?“ Der Regisseur James Hawes erzählt die Geschichte eines Mannes, den es 1938 eher zufällig nach Prag verschlug und den die Vergangenheit nicht mehr loslässt. Doch dann, 1988, in der BBC-Fernsehshow „That’s Life“ tut sich völlig unverhofft eine Tür auf für den Retter…

Großbritannien 2023, Regie: James Hawes, Darsteller: Anthony Hopkins, Johnny Flynn, Helena Bonham-Carter, ab 12, 110 min

Die 20.30-Uhr-Vorstellung wird in der englischen Originalfassung
mit deutschen Untertiteln gezeigt

29.5. | Die Herrlichkeit des Lebens

18.00/20.30

Der lungenkranke Schriftsteller Franz Kafka stirbt, gerade einmal 40-jährig, 1924 in einem Sanatorium in Österreich. Ungewöhnlich ist es also nicht, dass in diesem Film über die letzten Lebensjahre des Autors der Tod ein zentrales Motiv darstellt. Dessen ungeachtet gibt es aber auch höchst Erfreuliches zu feiern oder wie Kafka 1923 selbst von sich sagte: Er habe sich zwar nicht glücklich, aber immerhin „auf der Schwelle des Glücks“ gefühlt. Das liegt vor allem an der Begegnung mit seiner letzten großen Liebe Dora Diamant. Sabin Tambrea (Kafka) und Henriette Confurius (Dora) verkörpern dieses Paar, das wie geschaffen füreinander scheint. Er der Dichter und Denker, sie die Tänzerin, bildungshungrig, aber auch praktisch veranlagt. Unter Doras Aufsicht schält Kafka seine erste Kartoffel: „Zum Körper hin.“ Das gemeinsame Leben dauert jedoch nicht mehr lange und die düstere, feuchtkalte Wohnung in Berlin mit den alltäglichen Rauch- und Ascheauswürfen des Kohleofens beschleunigt das Ende zusätzlich. „Die Herrlichkeit de Lebens“ der beiden Regisseure Georg Maas und Judith Kaufmann ist ein Liebesdrama ohne Happy-End.

Deutschland/Österreich 2024, Regie: Georg Maas, Judith Kaufmann, Darsteller: Sabin Tambrea, Henriette Confurius, ab 6, 98 min

22.5. | Kleine schmutzige Briefe

18.00/20.30

Es begab sich also zu der Zeit, als im nahegelegenen London die Suffragetten auf die Barrikaden gingen, um das allgemeine Wahlrecht für Frauen zu erkämpfen, dass in einem malerischen Küstenörtchen namens Littlehampton, Sussex, Briefe geschrieben wurden. Anonyme Briefe. Schmutzige Briefe. Briefe von solcher Schamlosigkeit und derart unflätigem Sprachgebrauch, dass das Vereinigte Königreich der 1920er Jahre, nun ja, knapp vor dem moralischen Untergang stand. Wäre ebendieses Großbritannien nicht auch ein Land der Doppelmoral und der Sensationsgier gewesen. Also wird, wann immer sich die Gelegenheit bietet, aus den Briefen zitiert und sich entrüstet. Wer diese Briefe eigentlich schreibt, bleibt zunächst unklar. Bald jedoch gerät die lebenslustige Irin Rose Gooding in Tatverdacht. Irin!, mit Kind, aber ohne Mann! Da ist für die Vertreter der Staatsgewalt der Fall klar. Für female police officer Gladys Moss (und das geneigte Kinopublikum) ist es jedoch ebenso klar, dass Rose es nicht ist. Nach einem tatsächlichen Skandal aus den 1920er Jahren erzählt die britische Regisseurin Thea Sharrock dieses Emanzipationsdrama. Im Mittelpunkt dieser schwarzen Komödie steht dabei das Verdrängte. Das Verdrängte, das Frauen nicht erlaubt ist. Das aber, wie es nun einmal des Verdrängten Art ist, unausweichlich an die Oberfläche dringt. Und da ist dann richtig was los im beschaulichen Littlehampton.

Großbritannien 2023, Regie: Thea Sharrock, Darsteller: Olivia Colman, Jessie Buckley, Timothy Spall, ab 12, 101 min

Die 20.30 Uhr-Vorstellung wird im Original mit Untertiteln gezeigt.

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