22.4. | A Useful Ghost

18.00/20.30

Können Alltagsgegenstände von Geistern besessen sein? Für die Protagonisten in „A Useful Ghost“ scheint dies selbstverständlich. In einer Staubsaugerfabrik sorgen verstorbene Mitarbeiter für Unruhe. Dann erscheint auf einmal auch Nat, die verstorbene Frau von March, dem Sohn der Fabrikbesitzerin, als Geist und lebt fortan in einem der Staubsauger weiter. Der von Sehnsucht geplagte March tut alles, um mit Geister-Nat zusammenleben zu können. Der Debütfilm des thailändischen Regisseurs Ratchapoom Boonbunchachoke, der als groteske Komödie beginnt, verwandelt sich dann nach und nach in eine philosophische Betrachtung über das mögliche Wesen von Geistern. Sie können nur existieren, wenn ein noch lebender Mensch sich an die verstorbene Person erinnert – und diese Schwachstelle macht sich Nat konsequent zunutze. Sie befreit die Fabrik von den Geistern, indem sie diese Erinnerungen per Elektroschock-Einsatz auslöscht. Mit derselben Methode hilft sie auch einem Minister, der offensichtlich ein Massaker des thailändischen Militärs an prodemokratischen Demonstranten zu verantworten hat und nun von den Geistern der Opfer heimgesucht wird. Da vollführt der Film auf einmal noch eine komplette Kehrtwende und zwar ins Hoch-politische, von der skurrilen Komödie hinein in die Erinnerung an unaufgearbeitete Verbrechen.

Thailand 2025, Regie: Ratchapoom Boonbunchachoke, Darsteller: Davika Hoorne, Apasiri Nitibhon, Wisarut Himmarat, ab 16, 130 min

29.4. | Nouvelle Vague

18.00/20.30

Der legendäre französische Filmemacher Jean-Luc Godard (1930-2022) gehörte mit Francois Truffaut und Claude Chabrol zu den führenden Köpfen der Nouvelle Vague, einer Bewegung, die in den späten 1950-er und in den 1960-er Jahren das Kino revolutionierte. Der Einsatz von Handkameras, spontanen Dialogen und dokumentarisch anmutenden Drehs auf der Straße wurde zum Markenzeichen der Neuen Welle. Einem Symbol dieser Filmepoche, Godards Meisterwerk „Außer Atem“, hat sich nun der US-amerikanische Regisseur Richard Linklater angenommen. Humorvoll erzählt er die Entstehungsgeschichte dieses Films von 1959 nach, gedreht in edlem Schwarz-Weiß und im klassischen 35mm-Format. Guillaume Marbeck verkörpert Godard als Künstler, der regelrecht besoffen ist von seiner eigenen Genialität. Ohne Unterlass strapaziert der Maestro die Nerven und die Geduld seiner Umgebung. Die Hauptdarsteller, der Kameramann, der Produzent und alle anderen müssen seine täglichen Launen ertragen. Dies alles ist eingebettet in ein Pariser Künstlermilieu mit Wein und Zigaretten, in dem Eitelkeit und Ehrgeiz eine produktive Allianz eingehen. Linklaters stilvolle Hommage an die berühmte Filmbewegung ist nicht nur ein Film für Cineasten, sondern auch ein Werk fürs große Publikum.

Frankreich/USA 2025, Regie: Richard Linklater, Darsteller: Guillaume Marbeck, Zoey Deutch, Aubry Dullin, ab 12, 106 min

6.5. | Silent Friend

18.00/20.30

Im Botanischen Garten der Universität Marburg steht ein uralter Gingko-Baum, mächtig und majestätisch. Er ist stummer, jedoch aufmerksamer Zeuge unzähliger Lebensgeschichten, die über die Generationen an ihm vorüberziehen. Die Regisseurin Ildiko Enyedi hat drei davon ausgewählt, aus unterschiedlichen Epochen. Im Jahr 1908 wird Grete (Luna Wedler) als erste Frau zum Biologiestudium zugelassen und entdeckt dabei verborgene, bislang unbekannte Pflanzenstrukturen. 1972 verliebt sich der anfangs noch etwas ziellose Studienanfänger Hannes (Enzo Brumm) in seine Mitbewohnerin und setzt in den Semesterferien aufopferungsvoll deren Experimente mit einer empfindsamen Geranie fort. 2020 schließlich wird der Hongkonger Neurowissenschaftler Tony (Tony Leung Chiu-wai) während seiner Gastprofessur in Marburg von der Corona-Pandemie ausgebremst. Im Lockdown setzt er daraufhin seine Forschungen an eben jenem Gingko-Baum fort. Die Regisseurin Enyedi wechselt flink und assoziativ zwischen den drei Erzählebenen hin und her, Als Unterscheidungsmerkmal dienen ihr drei verschiedene Aufnahmeverfahren, monochromer 35-mm-Film zu Beginn des 20.Jahrhunderts, 16-mm-Farbfilm in den 70-ern und HD in der Gegenwart. Ein heiterer und leiser Film über das Innenleben von Mensch und Botanik, der der Pflanzenwelt das gleiche Bildrecht wie den menschlichen Schauspielern einräumt. „Silent Friend“ dürfte der erste Film sein, in dessen Abspann Pflanzen als gleichrangige Hauptdarsteller genannt werden.

Deutschland/Ungarn 2025, Regie: Ildiko Enyedi, Darsteller: Luna Wedler, Enzo Brumm, Tony Leung Chiu-wai, ab 6, 145 min

20.5. | The Testament of Ann Lee

18.00/20.30

Die 20.30 Uhr-Vorstellung wird in der englischsprachigen Originalversion mit deutschen Untertiteln gezeigt.

Das Leben von Ann Lee (Amanda Seyfried) um 1730 in Manchester ist hart. Alle ihre vier Kinder sterben im Säuglingsalter. Durch den tiefen Schmerz über diesen Verlust gezeichnet und nach einer Vision mit Adam und Eva im Garten Eden gründet sie 1736 die freikirchliche Shaker-Gemeinschaft. In der utopisch-christlichen Bewegung sind Männer und Frauen gleichberechtigt, harte Arbeit und das Zölibat die obersten Gebote. Dabei ist der Name wörtlich zu verstehen. Die Nähe zu Gott suchen die Shaker mittels rhythmischer und schüttelnder Tanzbewegungen, die im Film ausgiebig gezeigt werden. Der von traditionellen Shaker-Hymnen inspirierte Soundtrack verleiht dem düsteren Musicaldrama seine Struktur. Während sich Gospel, Choräle und elektronische Klänge fließend ablösen, zucken Körper rhythmisch, kreischend und stöhnend durch kerzenbeschienene Szenerien. Mit der folgenden Übersiedlung von Manchester nach New York verbinden sich dann weitere Hoffnungen, an Deck des Schiffes singt Ann Lee „All is peace before us.“ Doch wirklichen Frieden findet die Gemeinschaft in Amerika nicht, Ann Lee persönlich wird sogar immer wieder der Hexerei verdächtigt. In dem sich formierenden Mob manifestiert sich die den Film durchziehende Gewalt und Frauenfeindlichkeit; die Flucht ins Spirituelle hat hier eine ihrer Ursachen. Die Regisseurin Mona Fastvold erzählt diese Suche nach Freiheit, Glück und Gemeinschaft mit monumentalen Bildern und mitreißender Musik und beweist, dass auch bei historisch grundierten Filmstoffen frische Zugänge möglich sind.

Gr6ßbritannien/USA 2025, Regie: Mona Fastvold, Darsteller: Amanda Seyfried, Lewis Pullman, Thomasin McKenzie, ab 12, 137 min

27.5. | Vier minus drei

18.00/20.30

Clowns wollen die Menschen zum Lachen bringen und strahlen doch oft etwas Melancholisches aus. Vielleicht müssen auch die Menschen, die in ein Clownskostüm schlüpfen, diese gegensätzlichen Emotionen in sich vereinen. So wie Barbara (Valerie Pachner) und Heli (Robert Stadtlober). Sie arbeitet als Clown in einer Kinderklinik, er auf der Bühne. Mit ihren beiden kleinen Kindern Fini und Thimo leben sie fröhlich, liebevoll und voller Phantasie auf einem sehr sanierungsbedürftigen Hof. Doch eines Tages gibt es am Bahnübergang einen Unfall mit einem Clownsbus. Heli ist sofort tot, Fini und Thimo sterben wenig später im Krankenhaus. Wie gelähmt ist Barbara, sie verzweifelt an ihrem Leben und droht daran zu zerbrechen. Irgendwann jedoch beginnt sie, sich ihrem Schicksal zu stellen: „Ich bin am Leben und ich möchte Teil des ganz normalen Lebens bleiben“, schreibt sie an alle ihre Freunde. Die Trauer, der Schmerz und die Liebe verschwinden dabei nicht. Sollen sie auch gar nicht. Der österreichische Regisseur Adrian Goiginger hat den autobiographischen Roman von Barbara Pachl-Eberhart sanft und ohne Verklärung verfilmt. Goiginger erzählt mit Rückblenden vom Vorher und Nachher, stellt den unsagbaren Schmerz die Ausgelassenheit der Vergangenheit gegenüber. „Vier minus drei“ ist ein eindringlicher, zärtlicher Film der großen Gefühle und kleinen Blicke, der sanften Gesten und stillen Momente. Er wirft einen frischen Blick auf Trauer und Verlust, er feiert das Leben auch im Angesicht des Todes. Er bietet einen versöhnlichen Zugang zum Sterben und erinnert zugleich an die Dankbarkeit, die man für sein Glück haben sollte. Ein berührendes Drama über eine Frau, die ihre Familie verliert und trotz aller Trauer wieder lernt, das Leben zu feiern, die ihre Clownsphilosophie zum Lebensmotto macht.

Österreich/Deutschland 2026, Regie: Adrian Goiginger, Darsteller: Valerie Pachner, Robert Stadtlober, Stefanie Reinsperger, Hanno Koffler, ab 12, 121 min

25.3. | Hamnet

18.00/20.30

Die zweite Vorstellung um 20.30 Uhr wird in der englischsprachigen Originalversion mit deutschen Untertiteln gezeigt.

England im Jahr 1580. In dem kleinen Dorf Stratford upon Avon heiratet der Lateinlehrer und spätere Schriftsteller William Shakespeare seine geliebte Agnes (Jessie Buckley); das Ehepaar bekommt drei Kinder, zuerst Susanna und dann die Zwillinge Judith und Hamnet. Doch dann stirbt Hamnet 1596 im Alter von elf Jahren an der Pest und der Tod des Jungen droht die Familie zu zerreißen. Die Mutter taumelt durch ein Leben, das nicht wiederzuerkennen ist. Dem Vater wiederum wohnt eine gespaltene Persönlichkeit inne. Seine Trauer befindet sich im steten Widerstreit mit der fiebrigen Besessenheit eines literarischen Genies. Sein Leid verarbeitet er folgerichtig in einem Theaterstück, der Tragödie „Hamlet“. Die Schriftstellerin Maggie O’Farrell schildert diese Geschichte in ihrem 2020 erschienenen Buch „Judith und Hamnet“. Gemeinsam mit ihr hat die Regisseurin Chloé Zhao den Roman in bravouröse Filmsprache verwandelt. Zhao malt Tableaus im Stil alter niederländischer Meister, spielt virtuos mit Licht und Schatten. Nahaufnahmen vermitteln Intimität, Liebe, Zorn, Eifersucht und Traumata. Die emotionale Wucht und Intensität des Romans steigert der Film sogar noch. „Hamnet“ wendet sich mit maximaler Wirkung an Herz und Hirn gleichermaßen. Mit einem Wort: ein Meisterwerk des Kinos.

Großbritannien 2025, Regie: Chloé Zhao, Darsteller: Jessie Buckley, Paul Mescal, Emily Watson, ab 12, 125 min

4.2. | Zweitland

18.00/20.30

Nach der Niederlage Österreichs im Ersten Weltkrieg wird das mehrheitlich deutschsprachige Südtirol von Italien annektiert. Es kommt zu jahrzehntelangen Kämpfen zwischen der Separatisten-Organisation Befreiungsausschuss Südtirol (BAS) und der italienischen Staatsmacht. Der Regisseur Michael Kofler, der selbst aus dieser Region stammt, siedelt seine Geschichte im Jahr 1961 an, in dem der Konflikt in der sogenannten „Feuernacht“ blutig eskalierte. Seine beiden Protagonisten, die Brüder Paul (Thomas Prenn) und Anton (Laurence Rupp) gehen ganz unterschiedlich mit den Geschehnissen um. Während es den musisch begabten Paul an die Kunsthochschule in München zieht, führt der bodenständige Anton den Bauernhof der Eltern weiter und muss die alltäglichen Schikanen der italienischen Regierung ertragen. Kofler beleuchtet den tief verwurzelten Konflikt in all seinen Facetten, von der separatistischen Gewalt über die Gegengewalt der Staatsmacht bis hin zu dem Versuch der Vermittlung zwischen den Volksgruppen. Besonders authentisch wird dieser Anti-Heimatfilm durch die Untertitelung des deutschen Dialekts sowie des Italienischen. Durch die Anerkennung des Autonomiestatus in den frühen 1970-er Jahren ist die separatistische Eskalation in Südtirol mittlerweile in Vergessenheit geraten. „Zweitland“ ruft diesen Unabhängigkeitskampf jetzt noch einmal ins Bewusstsein zurück.

Deutschland/Italien/Österreich 2025, Regie: Michael Kofler, Darsteller: Thomas Prenn, Laurence Rupp, Aenne Schwarz, ab 12, 112 min

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