29.7. | Verflucht normal

18.00/20.30

1983 im schottischen Ort Galashiels. Beim 12-jährigen John Richardson zeigen sich erste Symptome des Tourette-Syndroms. Es beginnt mit ruckartigen Bewegungen des Kopfes, unkontrollierbare, zumeist sexuell grundierte Flüche mitten im normalen Redefluss kommen hinzu. Entschuldigungen und Erklärungen ( „I can’t help it“) stoßen auf taube Ohren, die Krankheit als Ursache des Ganzen wird nicht erkannt. Stattdessen reagiert die Umwelt mit Spott, Strafen und Ausgrenzung. Es ist dieses Unverständnis seiner Umgebung, das John fünfzehn Jahre später immer noch verfolgt. Erst der Kontakt mit einem ehemaligen Mitschüler und dessen Mutter Dottie (Maxine Peake) bringt eine Wendung in sein Leben. Beide behandeln ihn mit Verständnis und Empathie. Auch in seinem ersten Job als Gemeinde-hausmeistergehilfe geht es voran. Sein Chef Tommy Trotter (Peter Mullan) ist ein Mann vorbehaltloser Toleranz. Der Regisseur Kirk Jones erzählt in seiner Mischung aus Humor, Drama und Aufklärung die, wahre, Geschichte dieses John Davidson, der, am Tourette-Syndrom erkrankt, jahrzehntelang über die neuropsychiatrische Krankheit aufklärte und für seinen Einsatz im Jahr 2019 mit dem Orden des British Empire (OBE) ausgezeichnet wurde. Robert Aramayo verkörpert ihn in „Verflucht normal“ auf eine Weise, die dem Schauspieler den britischen Filmpreis BAFTA einbrachte.

Großbritannien/Irland 2025, Regie: Kirk Jones, Darsteller: Robert Aramayo, Maxine Peake, Peter Mullan, ab 12, 121 min

17.6. | Der letzte Mann

18.00

mit einer Einführung von Steffen Liebsch (Kommunales Kino)

Ein Film aus dem Bestand der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung in Wiesbaden.

Der Film handelt vom sozialen Abstieg des Portiers des Atlantic-Hotels, der zum Toilettenwärter degradiert wird. Er verliert die prächtige Uniform, die seinen Stolz ausmacht und damit auch die Anerkennung und den Respekt seiner Nachbarn und Familie. Das überraschend positive Ende wurde dem Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau von der Produktionsfirma Ufa aufgezwungen. Deren Chef Erich Pommer begründete das später so: „Wir fügten das Happy-End hinzu, weil sonst der Film so wie das wirkliche Leben gewesen wäre und zu einem kommerziellen Misserfolg geführt hätte,“ Murnau inszenierte das Ende dann aber so märchenhaft und übertrieben, dass es als ironischer Kommentar verstanden werden kann und bereits bei der Uraufführung im Berliner Ufa-Palast am Zoo am 23.Dezember 1924 als solcher erkannt wurde. Der Film gilt als Meilenstein des deutschen Stummfilms, dies wegen der Kameraführung („entfesselte Kamera“) und da er fast ohne erklärende Zwischentitel auskommt, Für Emil Jannings bedeutete seine Darstellung des Portiers in diesem Sozialdrama den Durchbruch zum Charakterdarsteller.

Deutschland 1924, Regie: Friedrich Wilhelm Murnau, Darsteller: Emil Jannings, Maly Delschaft, Hans Unterkircher, ohne Altersbeschränkung, 90 min

Der Stummfilm wird live am Klavier begleitet durch den Bremerhavener Musiker und Komponisten Guido Solarek.

17.6. | Gelbe Briefe

20.30

Derya (Özgü Namal) ist eine gefeierte Schauspielerin im Staatstheater in Ankara. Ihr Mann Aziz (Tansu Bicer) unterrichtet an der Universität. Das Ehepaar ist fester Bestandteil des kulturellen Bildungsbürgertums, selbstverständlich links und regierungskritisch. Deswegen macht sich das verschärfte politische Klima auch in ihrem Alltag ganz handfest bemerkbar. Erst wird Aziz gemeinsam mit etlichen Kollegen an der Hochschule ohne Angabe von Gründen beurlaubt, wenig später Derya vom Theater entlassen. Als auch noch ihr Vermieter Besuch von der Polizei bekommt, ziehen die Eheleute mit ihrer Tochter Ezgi (Leyla Smyrna Cabas) zu Aziz‘ Mutter (Ipek Bilgin) nach Istanbul. Doch Geldsorgen, Platznot und Zukunftsängste gehen nicht spurlos an der Ehe vorbei. Immer offensichtlicher wird, dass die beiden in dem Spannungsfeld zwischen ideologischen Überzeugungen und handfestem Pragmatismus oft unterschiedliche Vorstellungen davon haben, mit ihrer Situation umzugehen. Ohne konkrete Namen und Ereignisse zu nennen oder die innenpolitische Lage näher zu umreißen, erzählt der Berliner Regisseur Ilker Catak mit „Gelbe Briefe“ viel über die heutige Türkei – und lässt doch keinen Zweifel daran, dass seine Geschichte eine universelle ist, die Kunstschaffende und Intellektuelle überall auf der Welt erwarten könnte. Dass ihm Berlin als Kulisse für Ankara dient und Hamburg Istanbul „spielt“, macht das überdeutlich. Cataks Verbindung von gesellschaftlichen Entwicklungen mit einem emotionalen Familiendrama brachte „Gelbe Briefe“ bei der diesjährigen Berlinale den Goldenen Bären ein.

Deutschland/Türkei 2026, Regie: Ilker Catak, Darsteller: Özgü Namal, Tansu Bicer, Leyla Smyrna Cabas, Ipek Bilgin, ab 12, 128 min

25.3. | Hamnet

18.00/20.30

Die zweite Vorstellung um 20.30 Uhr wird in der englischsprachigen Originalversion mit deutschen Untertiteln gezeigt.

England im Jahr 1580. In dem kleinen Dorf Stratford upon Avon heiratet der Lateinlehrer und spätere Schriftsteller William Shakespeare seine geliebte Agnes (Jessie Buckley); das Ehepaar bekommt drei Kinder, zuerst Susanna und dann die Zwillinge Judith und Hamnet. Doch dann stirbt Hamnet 1596 im Alter von elf Jahren an der Pest und der Tod des Jungen droht die Familie zu zerreißen. Die Mutter taumelt durch ein Leben, das nicht wiederzuerkennen ist. Dem Vater wiederum wohnt eine gespaltene Persönlichkeit inne. Seine Trauer befindet sich im steten Widerstreit mit der fiebrigen Besessenheit eines literarischen Genies. Sein Leid verarbeitet er folgerichtig in einem Theaterstück, der Tragödie „Hamlet“. Die Schriftstellerin Maggie O’Farrell schildert diese Geschichte in ihrem 2020 erschienenen Buch „Judith und Hamnet“. Gemeinsam mit ihr hat die Regisseurin Chloé Zhao den Roman in bravouröse Filmsprache verwandelt. Zhao malt Tableaus im Stil alter niederländischer Meister, spielt virtuos mit Licht und Schatten. Nahaufnahmen vermitteln Intimität, Liebe, Zorn, Eifersucht und Traumata. Die emotionale Wucht und Intensität des Romans steigert der Film sogar noch. „Hamnet“ wendet sich mit maximaler Wirkung an Herz und Hirn gleichermaßen. Mit einem Wort: ein Meisterwerk des Kinos.

Großbritannien 2025, Regie: Chloé Zhao, Darsteller: Jessie Buckley, Paul Mescal, Emily Watson, ab 12, 125 min

4.2. | Zweitland

18.00/20.30

Nach der Niederlage Österreichs im Ersten Weltkrieg wird das mehrheitlich deutschsprachige Südtirol von Italien annektiert. Es kommt zu jahrzehntelangen Kämpfen zwischen der Separatisten-Organisation Befreiungsausschuss Südtirol (BAS) und der italienischen Staatsmacht. Der Regisseur Michael Kofler, der selbst aus dieser Region stammt, siedelt seine Geschichte im Jahr 1961 an, in dem der Konflikt in der sogenannten „Feuernacht“ blutig eskalierte. Seine beiden Protagonisten, die Brüder Paul (Thomas Prenn) und Anton (Laurence Rupp) gehen ganz unterschiedlich mit den Geschehnissen um. Während es den musisch begabten Paul an die Kunsthochschule in München zieht, führt der bodenständige Anton den Bauernhof der Eltern weiter und muss die alltäglichen Schikanen der italienischen Regierung ertragen. Kofler beleuchtet den tief verwurzelten Konflikt in all seinen Facetten, von der separatistischen Gewalt über die Gegengewalt der Staatsmacht bis hin zu dem Versuch der Vermittlung zwischen den Volksgruppen. Besonders authentisch wird dieser Anti-Heimatfilm durch die Untertitelung des deutschen Dialekts sowie des Italienischen. Durch die Anerkennung des Autonomiestatus in den frühen 1970-er Jahren ist die separatistische Eskalation in Südtirol mittlerweile in Vergessenheit geraten. „Zweitland“ ruft diesen Unabhängigkeitskampf jetzt noch einmal ins Bewusstsein zurück.

Deutschland/Italien/Österreich 2025, Regie: Michael Kofler, Darsteller: Thomas Prenn, Laurence Rupp, Aenne Schwarz, ab 12, 112 min

11.2. | Ein einfacher Unfall

18.00/20.30

Der Iraner Eqbal (Ebrahim Azizi) ist nachts mit seiner Frau und seiner Tochter mit dem Auto unterwegs. Nach dem Zusammenprall mit einem Hund muss er eine nahe gelegene Werkstatt aufsuchen. Der Mechaniker Vahid (Vahid Mobasseri) glaubt in ihm den Mann wiederzuerkennen, der ihn einst im Gefängnis gefoltert hat. Von Rachegefühlen getrieben entführt er seinen vermeintlichen Peiniger. Als der seine Unschuld beteuert, kontaktiert Vahid mehrere andere Opfer Eqbals, die ihm helfen sollen, seinen Verdacht zu bestätigen. Der Regisseur Jafar Panahi, selbst seit vielen Jahren durch das iranische Regime verfolgt, verarbeitet in seinem Film eigene Erlebnisse zu einer Parabel über oppositionelle Strömungen und ihren Umgang mit dem Terror der Staatsgewalt. Es geht um Schuld und Sühne und die Frage, ob man aus Rache töten oder doch Gnade walten lassen sollte. Panahi zeichnet zudem ein komplexes Bild der iranischen Gesellschaft. Er zeigt Frauen, die ohne Kopftuch durch die Straßen laufen und es dann doch schnell zur Hand haben, wenn Obrigkeiten im Anmarsch sind. Wenn sich dann die gleichen Obrigkeiten durch ein angemessenes Bakschisch besänftigen lassen und bei fehlendem Bargeld auch gerne mit Kartenzahlung einverstanden sind, wird der spannungsreiche Thriller zum absurden Theater. Mit dieser filmischen Abrechnung mit dem Mullah-Regime gewann Panahi im letzten Frühjahr die Goldene Palme bei den Filmfestspielen in Cannes und ist außerdem Frankreichs Kandidat für die anstehende Oscar-Verleihung.

Iran/Frankreich 2025, Regie: Jafar Panahi, Darsteller: Vahid Mobasseri, Ebrahim Azizi, Mariam Afshari, ab 16, 105 min

18.2. | Sentimental Value

18.00/20.30

Der Drachenstil setzte sich in Norwegens Architektur am Ende des 19. Jahrhunderts durch. Seinen Namen verdankt er den auskragenden Dachgiebeln der mehrstöckigen Holzhäuser. Die Villa, in der die Familie Borg seit Generationen lebt, ist ein Juwel dieses Baustils.Für „Sentimental Value“ ist dieser Schauplatz so unverzichtbar, dass er eine eigene Erzählstimme erhält, die aus dem Off berichtet, wie die Räume mit ihren Bewohnern leben. Die Villa wird zu einem emotionalen Minenfeld, als Gustav Borg (Stellan Skarsgard) nach der Beerdigung seiner Frau plötzlich in das Leben seiner Töchter zurückkehrt. Nora (Renate Reinsve) hat ihm nie verziehen, dass er die Familie verließ, ihre jüngere Schwester Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas) ist milder gestimmt. Der Vater war einmal ein berühmter Regisseur und hat ein Drehbuch über den Selbstmord seiner Mutter mitgebracht, das er am Realschauplatz verfilmen will. Nora, eine gefeierte Bühnenschauspielerin, soll die Hauptrolle spielen. Brüsk weist sie sein Angebot zurück, das insgeheim ein väterliches Liebeswerben ist. Gustav macht sich notgedrungen auf die Suche nach einer neuen Hauptdarstellerin, gibt die Hoffnung auf Noras Teilnahme aber nicht auf. Ein Drama über konfliktbeladene Familienverhältnisse verbunden mit der Zuversicht, dass die Dinge sich schließlich doch so entwickeln, wie man es sich vorgestellt hat.

Norwegen/Dänemark/Schweden 2025, Regie und Drehbuch: Joachim Trier und Eskil Vogt, Darsteller: Stellan Skarsgard, Renate Reinsve, Inga Ibsdotter Lilleaas, ab 12, 133 min

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