Filmprogramm

1.7. | Der verlorene Mann

18.00/20.30

Die Künstlerin Hanne (Dagmar Manzel) und der pensionierte Pfarrer Bernd (August Zirner) führen eine glückliche, jedoch etwas festgefahrene Ehe, Da steht wie aus dem Nichts Hannes früherer Ehemann Kurt (Harald Krassnitzer) vor ihrer Tür. Aufgrund seiner Demenzerkrankung kann sich dieser nicht mehr daran erinnern, dass er und Hanne bereits seit 20 Jahren geschieden sind. Ins Pflegeheim kann er nicht mehr zurück, so dass ihn Hanne und Bernd als Dauergast in ihrem Gästezimmer aufnehmen. Was als Demenzgeschichte beginnt, entwickelt sich bald zu einem außergewöhnlichen Beziehungsdrama. Trotz seiner Krankheit hat Kurt seine Persönlichkeit behalten, er ist nach wie vor ein Charakter, charmant, aufmerksam und liebesbedürftig. Das zieht Hanne emotional in ihre gemeinsame Vergangenheit zurück und das kann Bernd nicht kaltlassen. In seinem Langfilmdebüt geht der Regisseur Welf Reinhart sehr behutsam zu Werke. Die Gefühle spielt er nicht aus, vielmehr setzt er auf die Vorstellungskraft des Zuschauers. Ein sanfter kleiner Film, der vollends seinen großartigen Schauspielern vertraut und darin so gefühlvoll wie bildreich bleibt.

Deutschland 2026, Regie: Welf Reinhart, Darsteller: Dagmar Manzel, Harald Krassnitzer, August Zirner, ab 12, 106 min

8.7. | Mit leiser Stimme

18.00/20.30

Aus Anlass des Christopher Street Days am 11.7.

Der Film wird in der Originalfassung mit deutschen Untertiteln gezeigt.

Lilia reist nach dem Tod ihres Onkels für die Beerdigung aus Paris nach Tunesien zu ihrer Familie zurück. Ihre lesbische Beziehung hält sie vor ihrer Familie geheim, ihre Partnerin begleitet sie dennoch zurück in die Heimat. Sehen tun sich die beiden aber nur im Schutz des Hotelzimmers. Die Familie wiederum macht ein großes Geheimnis aus den Umständen, die zum Tode des Onkels führten. Während Lilia eigene Nachforschungen anstellt, stößt sie auf Familiengeheimnisse und lernt ihre Heimat und ihren Onkel noch einmal in einem ganz anderen Licht kennen. Leyla Bouzid vereint in ihrem Film Familiendrama und Krimi und zeigt ein generationen-übergreifendes Portrait zwischen Tradition, Veränderung, gesellschaftlichen Tabus und Identitätsfindung.

Frankreich/Tunesien 2026, Regisseur: Leyla Bouzid, Darsteller: Eya Bouteraa, Hiam Abbass, ohne Altersbeschränkung, 113 min

15.7. | Vivaldi und ich

18.00/20.30


Die 20.30 Uhr-Vorstellung wird in der italienischen Originalfassung mit deutschen Untertiteln gezeigt.

Das Ospedale della Pieta war zu Beginn des 18. Jahrhunderts eines von vier Waisenhäusern in der Adelsrepublik Venedig und verfügte bereits über eine Babyklappe. Die Findelkinder waren Waisen unter Vorbehalt: Ihre Mütter hinterließen Kennzeichen, um sie später gegebenenfalls zurückzufordern. Die Mädchen wurden musikalisch ausgebildet und traten öffentlich auf, allerdings hinter Gittern und Masken verborgen. Zugleich war die gewinnorientierte Verwahranstalt ein Heiratsmarkt für Männer aus der höheren Gesellschaft. Dieses Schicksal droht auch der Violinistin Cecilia (Tecla Insolia), die einem Offizier versprochen ist. Da übernimmt Antonio Vivaldi (Michele Ricondino) die Musikschule. Der große Komponist erkennt augenblicklich Cecilias Begabung und Ernsthaftigkeit. Keinesfalls will er zulassen, dass ihr Talent vergeudet wird und setzt alles daran, dem Mädchen eine musikalische Zukunft außerhalb des Heims zu ermöglichen. Die Situation spitzt sich zu, als der heiratswillige Offizier heimkehrt. Nun könnte die Violine für Cecilia ein Instrument der Befreiung werden. Der Regisseur Damiano Michieletto schildert in seinem Kinodebüt ein Kapitel im Schaffen Antonio Vivaldis – in welchem dieser nicht die Hauptrolle spielt.

Italien/Frankreich 2025, Regie: Damiano Michieletto, Darsteller: Tecla Insolia, Michele Riondino, Fabrizia Sacchi, ab 12, 110 min

22.7. | Nachbeben

18.00/20.30

Die Neurologin Alexandra (Özlem Saglanmak) arbeitet auf der unterbesetzten Schlaganfallstation eines dänischen Krankenhauses. Jedes Zögern und jede falsche Entscheidung können den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen. Als der 18-jährige Oliver (Jacob Spang Olsen) mit einem diffusen Kopfschmerz und einer Nackenstarre in die Klinik kommt, lautet ihr Befund „Unauffällig“ und sie entlässt den jungen Mann gemeinsam mit seiner Mutter Camilla (Trine Dyrholm) wieder. Wenig später bricht Oliver mit einer Hirnblutung zusammen. Alex muss feststellen, dass sie einen Fehler gemacht hat, der nicht wiedergutzumachen ist. Das Second-Victim-Phänomen beschreibt die Belastung, die Behandlungsfehler beim Gesundheitspersonal auslösen können. „Second Victims“ lautet auch der internationale Titel dieses Langfilmdebüts der dänischen Regisseurin Zinnini Elkington und der hätte deutlich besser gepasst als der deutsche. Es gibt nämlich mehr als ein Opfer in „Nachbeben“ – neben dem toten 18-jährigen dessen Eltern, die Neurologin Alex und das gesamte Umfeld. Die Filmemacherin Elkington sucht dabei keine einfachen Antworten, sondern blättert in intensiven und dabei oft ganz leisen Bildern die Strukturen auf, die eingezwängt sind in einem dichten Geflecht aus Angst, Verantwortung und Trauer. Sie beschreibt ein System, das alle Beteiligten an die Grenzen ihrer Belastbarkeit bringt – mit einem brillanten Hauptdarsteller-Duo Özlem Saglanmak und Trine Dyrholm.

Dänemark 2025, Regie: Zinnini Elkington, Darsteller: Özlem Saglanmak, Trine Dyrholm, Mathilde Arcel Fock, ab 12, 92 min

3.6. | The History of Sound

18.00/20.30

Die 20.30 Uhr-Vorstellung wird in der englischen Originalfassung mit deutschen Untertiteln gezeigt.

Der Film setzt 1917 ein. Lionel (Paul Mescal) studiert am New England Conservatory in Boston. Dort begegnet er David (Josh O’Connor), einem etwas älteren Studenten, der sich leidenschaftlich für amerikanische Volkslieder interessiert. Zwischen beiden entsteht rasch eine intime Verbindung, die aber jäh endet, als David zum Militär eingezogen wird. Erst Jahre später meldet sich David wieder, er lädt Lionel ein, ihn auf einer Forschungsreise zu begleiten. Mit einem tragbaren Phonographen ziehen sie durch abgelegene Gegenden Neu-Englands, besuchen Bauernhäuser und kleine Gemeinden, um dort traditionelle Volkslieder auf Wachszylindern aufzunehmen. Als mündliche Geschichtsschreibung wollen sie die Stimmen aus Küchen, Kirchen und Hinterhöfen, Balladen über Liebe, Mord oder Trauer für die Nachwelt erhalten. Am Ende der Reise trennen sich ihre Wege erneut. Lionel geht nach Europa, arbeitet in Rom und später in Oxford, doch die Erinnerung an David bleibt eine stille Konstante seines Lebens. Der südafrikanische Regisseur Oliver Hermanus erzählt diese Geschichte mit ausgeprägter Zurückhaltung. Seine Inszenierung vermeidet große Gesten, setzt stattdessen auf Blicke, Pausen und Musik. Die Kamera taucht Wälder, Farmhäuser und winterliche Landschaften in gedämpfte Farben, die Bilder wirken bisweilen wie Gemälde des amerikanischen Realismus. Eine intensive Liebesgeschichte zwischen zwei Männern, die sich auf die Liebe zur Musik gründet.

USA/Großbritannien 2025, Regie: Oliver Hermanus, Darsteller: Paul Mescal, Josh O’Connor, Chris Cooper, ab 6, 128 min

10.6. | The Chronology of Water

18.00/20.30

Die 20.30 Uhr-Vorstellung wird in der englischen Originalversion mit deutschen Untertiteln gezeigt.

„Memories are like stories“ sagt eine weinende Frau zu Beginn des Films. Dann folgen 120 Minuten, in deren Verlauf sich bruchstückhafte Erinnerungsbilder wiederholen und überlagern. Daraus entsteht die Biographie der Protagonistin und die hat es in sich. Lidia (Imogen Poots) wird von ihrem Vater jahrelang vergewaltigt, auch ihre Schwester wird zu seinem Opfer. Lidia gelingt die Flucht; sie erhält ein Sportstipendium an der Universität. Schon als Jugendliche hat sie hart trainiert, um Profischwimmerin zu werden; nun will sie sich seelisch buchstäblich freischwimmen, doch ihre Traumata sitzen tief und reisen mit. „The Chronology of Water“ erzählt von dieser kaum zu ertragenden Kindheit, von Alkoholmissbrauch, von toxischen Beziehungen und einer Totgeburt, vor allem aber vom Schreiben als Prozess der Selbstfindung und, vielleicht, Selbstheilung. Die Schauspielerin Kristen Stewart verfilmt in ihrem Regiedebüt den autobiographischen gleichnamigen Roman von Lidia Yuknavitch aus dem Jahr 2011. Stewart erzählt die Geschichte nicht chronologisch, sie arbeitet mit Rückblenden, die nicht immer als solche gekennzeichnet sind. Mit Thora Birch, Kim Gordon und Jim Belushi ist der Film bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt, aber vor allem Imogen Poots spielt die Hauptfigur mit einer immensen Wut und Energie. Die realistisch dargestellte Mischung aus Sex, Missbrauch, Sucht und Kindstod schont weder die Protagonistin noch das Publikum – eine emotionale Zumutung und gleichzeitig ein mutiger und gesellschaftlich relevanter Film. Acht Jahre lang kämpfte Kristen Stewart um die Realisation ihres Regiedebüts, das schließlich bei den Filmfestspielen in Cannes 2025 Premiere feierte.

USA 2025, Regisseur: Kristen Stewart, Darsteller: Imogen Poots, Susannah Flood, Tom Sturridge, ab 16, 128 min

17.6. | Der letzte Mann

18.00

mit einer Einführung von Steffen Liebsch (Kommunales Kino)

Ein Film aus dem Bestand der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung in Wiesbaden.

Der Film handelt vom sozialen Abstieg des Portiers des Atlantic-Hotels, der zum Toilettenwärter degradiert wird. Er verliert die prächtige Uniform, die seinen Stolz ausmacht und damit auch die Anerkennung und den Respekt seiner Nachbarn und Familie. Das überraschend positive Ende wurde dem Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau von der Produktionsfirma Ufa aufgezwungen. Deren Chef Erich Pommer begründete das später so: „Wir fügten das Happy-End hinzu, weil sonst der Film so wie das wirkliche Leben gewesen wäre und zu einem kommerziellen Misserfolg geführt hätte,“ Murnau inszenierte das Ende dann aber so märchenhaft und übertrieben, dass es als ironischer Kommentar verstanden werden kann und bereits bei der Uraufführung im Berliner Ufa-Palast am Zoo am 23.Dezember 1924 als solcher erkannt wurde. Der Film gilt als Meilenstein des deutschen Stummfilms, dies wegen der Kameraführung („entfesselte Kamera“) und da er fast ohne erklärende Zwischentitel auskommt, Für Emil Jannings bedeutete seine Darstellung des Portiers in diesem Sozialdrama den Durchbruch zum Charakterdarsteller.

Deutschland 1924, Regie: Friedrich Wilhelm Murnau, Darsteller: Emil Jannings, Maly Delschaft, Hans Unterkircher, ohne Altersbeschränkung, 90 min

Der Stummfilm wird live am Klavier begleitet durch den Bremerhavener Musiker und Komponisten Guido Solarek.

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