5.6. | One Life

18.00/20.30

„Wer auch nur ein Leben rettet, rettet die ganze Welt.“. Doch dieser aus dem Talmud überlieferte Satz hält für den 1909 in London geborenen Nicholas Winton keinen Trost bereit. Dabei hat Winton in der Zeit zwischen der deutschen Besetzung des Sudetenlandes im Oktober 1938 und dem Einmarsch der deutschen Truppen in Prag fünf Monate später 669 jüdischen Kindern das Leben gerettet. Der junge Börsenmakler legte Spendensammlungen auf und organisierte Visa für die tschechoslowakischen Kinder. Unterstützt von einem emotionalen Leserbrief in der „Times“ stellt er ihre Unterbringung in britischen Pflegefamilien und Heimen sicher. Anthony Hopkins verkörpert in „One Life“ den alten Winton in den 1980er Jahren. Trotz seines segensreichen, lebensrettenden Einsatzes fünfzig Jahre zuvor beharrt der alte Mann darauf, versagt zu haben. „Not enough“, stellt er fest. Es hätten mehr Kinder gerettet werden müssen. „It’s never enough, isn’t it?“ Der Regisseur James Hawes erzählt die Geschichte eines Mannes, den es 1938 eher zufällig nach Prag verschlug und den die Vergangenheit nicht mehr loslässt. Doch dann, 1988, in der BBC-Fernsehshow „That’s Life“ tut sich völlig unverhofft eine Tür auf für den Retter…

Großbritannien 2023, Regie: James Hawes, Darsteller: Anthony Hopkins, Johnny Flynn, Helena Bonham-Carter, ab 12, 110 min

Die 20.30-Uhr-Vorstellung wird in der englischen Originalfassung
mit deutschen Untertiteln gezeigt

29.5. | Die Herrlichkeit des Lebens

18.00/20.30

Der lungenkranke Schriftsteller Franz Kafka stirbt, gerade einmal 40-jährig, 1924 in einem Sanatorium in Österreich. Ungewöhnlich ist es also nicht, dass in diesem Film über die letzten Lebensjahre des Autors der Tod ein zentrales Motiv darstellt. Dessen ungeachtet gibt es aber auch höchst Erfreuliches zu feiern oder wie Kafka 1923 selbst von sich sagte: Er habe sich zwar nicht glücklich, aber immerhin „auf der Schwelle des Glücks“ gefühlt. Das liegt vor allem an der Begegnung mit seiner letzten großen Liebe Dora Diamant. Sabin Tambrea (Kafka) und Henriette Confurius (Dora) verkörpern dieses Paar, das wie geschaffen füreinander scheint. Er der Dichter und Denker, sie die Tänzerin, bildungshungrig, aber auch praktisch veranlagt. Unter Doras Aufsicht schält Kafka seine erste Kartoffel: „Zum Körper hin.“ Das gemeinsame Leben dauert jedoch nicht mehr lange und die düstere, feuchtkalte Wohnung in Berlin mit den alltäglichen Rauch- und Ascheauswürfen des Kohleofens beschleunigt das Ende zusätzlich. „Die Herrlichkeit de Lebens“ der beiden Regisseure Georg Maas und Judith Kaufmann ist ein Liebesdrama ohne Happy-End.

Deutschland/Österreich 2024, Regie: Georg Maas, Judith Kaufmann, Darsteller: Sabin Tambrea, Henriette Confurius, ab 6, 98 min

22.5. | Kleine schmutzige Briefe

18.00/20.30

Es begab sich also zu der Zeit, als im nahegelegenen London die Suffragetten auf die Barrikaden gingen, um das allgemeine Wahlrecht für Frauen zu erkämpfen, dass in einem malerischen Küstenörtchen namens Littlehampton, Sussex, Briefe geschrieben wurden. Anonyme Briefe. Schmutzige Briefe. Briefe von solcher Schamlosigkeit und derart unflätigem Sprachgebrauch, dass das Vereinigte Königreich der 1920er Jahre, nun ja, knapp vor dem moralischen Untergang stand. Wäre ebendieses Großbritannien nicht auch ein Land der Doppelmoral und der Sensationsgier gewesen. Also wird, wann immer sich die Gelegenheit bietet, aus den Briefen zitiert und sich entrüstet. Wer diese Briefe eigentlich schreibt, bleibt zunächst unklar. Bald jedoch gerät die lebenslustige Irin Rose Gooding in Tatverdacht. Irin!, mit Kind, aber ohne Mann! Da ist für die Vertreter der Staatsgewalt der Fall klar. Für female police officer Gladys Moss (und das geneigte Kinopublikum) ist es jedoch ebenso klar, dass Rose es nicht ist. Nach einem tatsächlichen Skandal aus den 1920er Jahren erzählt die britische Regisseurin Thea Sharrock dieses Emanzipationsdrama. Im Mittelpunkt dieser schwarzen Komödie steht dabei das Verdrängte. Das Verdrängte, das Frauen nicht erlaubt ist. Das aber, wie es nun einmal des Verdrängten Art ist, unausweichlich an die Oberfläche dringt. Und da ist dann richtig was los im beschaulichen Littlehampton.

Großbritannien 2023, Regie: Thea Sharrock, Darsteller: Olivia Colman, Jessie Buckley, Timothy Spall, ab 12, 101 min

Die 20.30 Uhr-Vorstellung wird im Original mit Untertiteln gezeigt.

15.5. | Dream Scenario

18.00/20.30

Paul Matthews (Nicolas Cage) ist ein mittelmäßiger Biologieprofessor. Ein durchschnittlicher Typ, der mit seiner Frau und zwei Kindern in einem Einfamilienhaus lebt. Irgendwann jedoch erscheint Paul auf einmal in den Träumen anderer Menschen. Zuerst ist es seine Tochter, die davon berichtet, dann werden es immer mehr. Paul wird wortwörtlich über Nacht bekannt, eine Marketingagentur will ihn groß herausbringen. Doch das Blatt wendet sich auf einmal: Paul ist in den Träumen nicht mehr nur passiver Zuschauer. Für eine Mitarbeiterin der Agentur wird er zur Erotikfantasie und für den Rest schließlich zum gewalttätigen Mörder, worauf keiner mehr etwas mit ihm zu tun haben will. Paul ist ein Mensch, der eigentlich keinen Rummel mag, aber trotzdem nach Anerkennung sucht. Der aufkommende Ruhm ist verlockend, der Fall danach umso härter. Hilflos muss Paul erleben, wie ihm nicht nur sein unverhofftes Star-Image wieder entgleitet, sondern auch sein Berufs- und Privatleben. Der Regisseur Kristoffer Borgli macht seinen Film zu einer Auseinandersetzung über verführerischen Ruhm und dessen Schattenseiten. Getragen wird „Dream Scenario“ vom Hauptdarsteller Nicolas Cage, der die ganze Bandbreite seiner Schauspielkunst zeigen kann. Cage ist in den letzten Jahren durch diverse Auftritte im Netz selbst zum Internetphänomen geworden; dass er hier eine Figur wie Paul verkörpert, hat eine Ironie, mit der der Film ganz bewusst spielt.

USA 2023, Regie: Kristoffer Borgli, Darsteller: Nicolas Cage, Julianne Nicholson, Michael Cera, ab 12, 102 min

8.5. | Only the River Flows

18.00/20.30

Es regnet viel in diesem Film und fast immer wird geraucht. Und nicht nur in diesen Punkten erinnert „Only the River Flows“ an den französischen film noir der 70er und 80er Jahre. Die Liebe zu dieser Art Kino spricht aus jeder einzelnen Szene. Der Film des chinesischen Regisseurs Wie Shujun ist auf analogem Material gedreht worden und kommt nicht nur stilistisch retro daher. Er spielt auch in der Vergangenheit, nämlich in der chinesischen Provinz Mitte der 1990er Jahre. Die Leiche einer älteren Dame wird am Ufer eines Flusses gefunden und Ma Zhe, Leiter der Kriminalpolizei, soll den Fall so schnell wie möglich aufklären – Befehl von oben. Ein verdächtiger „Irrer“ serviert sich der Polizei geradezu auf dem Präsentierteller als der Täter. Alle sind froh, dass sich der Fall in Wohlgefallen aufgelöst hat – nur Inspektor Ma zweifelt. Viele Hinweise und eine ganze Reihe skurriler Figuren begegnen ihm bei seiner rastlosen Suche nach der Wahrheit. Yilong Zhu spielt diesen Ma als brütenden, wortkargen Skeptiker, der sich im Labyrinth widersprüchlicher Indizien rettungslos zu verirren droht – ein würdiger Noir-Protagonist. Eine feinsinnige Ästhetik strahlt dieser Film aus. Unter anderem kommt Beethovens „Mondscheinsonate“ zum Einsatz; nicht zu vergessen auch der mitunter skurrile Humor, etwa wenn Ma eine Holztür eintritt, aber mit dem Fuß darin stecken bleibt und eine ganze Weile braucht, bis er ihn wieder freibekommt. Ein stimmungsvoller Neo-Noir-Film über einen schwermütigen Polizisten, der bei der Suche nach einem Mörder an seine Grenzen gerät.

China 2023, Regie: Wie Shujun, Darsteller: Yilong Zhu, Zeng Meihuizi, Tianlai Hou, ab 12, 106 min

1.5. | Radical: Eine Klasse für sich

18.00/20.30

Die erste Lektion steht nicht auf dem Lehrplan. Anfangs merkt man nicht einmal, dass sie überhaupt eine ist. Die sechste Klasse der Jose-Urbina-Lopez-Grundschule staunt über ihren Lehrer Sergio (Eugenio Derbez). Er stellt alles von den Füßen auf den Kopf, angefangen mit den Tischen, die jetzt als Rettungsboote dienen. Es gibt aber zu viele Schüler für sie. Welches wird sich über Wasser halten und welches nicht und weshalb? Es geht um Auftrieb, das Zusammenspiel von Gewicht, Volumen und Dichte. Der exzentrische Sergio führt seine Klasse zu höchster Konzentration. Der Unterricht hört auf, Pflicht zu sein und fängt an, ein Abenteuer des Entdeckens zu werden. Das ganze geht so lebhaft zu, dass man fast vergisst, wie metaphorisch Regisseur Christopher Zalla es tatsächlich meint. Keiner der Schüler soll untergehen im Alltag der mexikanischen Grenzstadt Matamoros, wo Armut, Apathie und Drogenkartelle herrschen. Drei von ihnen rückt das Drehbuch in den Mittelpunkt. Paloma träumt davon, Raumfahrtingenieurin zu werden. Lupe würde gerne Lehrerin werden. Nico schließlich macht auf allen Gebieten enorme Fortschritte – aber was nützt das alles den dreien, solange sie sich nicht aus dem Klammergriff der Kriminalität befreien können? Beim Sundance-Filmfestival wurde Christopher Zallas Film mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Er erzählt die wahre Geschichte eines unorthodoxen Lehrers, der seine Klasse auf das Leben vorbereitet – jedoch mit ungewissem Ausgang für jeden einzelnen.

Mexiko 2023, Regie: Christopher Zalla, Darsteller: Eugenio Derbez, Daniel Haddad, Jennifer Trejo, ab 12, 125 min

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